Dream Theater – A Dramatic Turn Of Events

Mike Portnoy Wochen Teil 1, und das obwohl besagter Herr gar nicht mehr dabei ist. Und dann kommt meine Rezension auch noch ein halbes Jahr zu spät. Das hat auch einen Grund, dazu aber später mehr. Mit Mangini als Mike-Nachfolger gibt es gewohnte Traumtheater-Kost auf die Ohren. Obwohl so gewohnt klingt das dann doch nicht. Ob das allein am Trommlerwechsel liegt, soll folgende Analyse klären:

On The Backs Of Angels
Der erste Vorbote des Albums eröffnet selbiges auch. Mit sanfter Gitarre wird kurz eingestimmt. Langsam kommen Schlagzeug, Keyboard und Bass dazu. Dann wird losgerockt, wie man es von der Band kennt. Direkt wird das Problem des Klangs dieses Albums deutlich: Die Gitarre ist so in den Vordergrund gemischt, dass es fast egal ist, was an den anderen Instrumenten vorgeht. Nur wenn die Klampfe mal aussetzt merkt man wie großartig da sonst musiziert wird. Irgendwo kann man auch Gesang erkennen. Ein weiteres Problem ist hier auch schon erkennbar: Melodisch kommt das ganze nicht auf den Punkt, da wird eine musikalische Idee an die andere gereiht, ohne dass ein musikalischen Ganzes entsteht. Dennoch ein ganz gutes Stück.
Build Me Up, Break Me Down
Der nächste Rocker kommt direkt hinterher. Die ersten Zeilen des Gesangs sind fast gar nicht zu hören. Was war da im Mischraum los? Das Phänomen wiederholt sich auch noch einige Male. Von der Komposition deutlich ausgewogener als das vorherige Lied, das Arrangement hingegen wirkt etwas träge, etwas mehr Geschwindigkeit hätte dem Lied gut getan.
Lost Not Forgotten
Der erste Zehn-Minüter des Albums beginnt mit einem wundervollen Klavier-Intro. In für Dream Theater-Verhältnisse zu vorhersehbarer Manier kommen die übrigen Instrumente hinzu. Nach etwa 2 Minuten wird dann hübsch durchgedreht, die erste richtig tolle Passage auf dem Album, leider zu kurz. So bleibt das Lied recht schematisch typisch mit ein paar wirklich guten Momenten.
This Is The Life
Das erste ruhigere Stück lässt aufhorchen, Jordan spielt eine sehr schöne Melodie, James singt schön, John 1 zupft gefühlvoll, John 2 und Mike sind hier nicht weiter spektakulär. Insgesamt kommt das Lied allerdings viel zu zahm und glattgebügelt daher. Vielleicht hätte James etwas mehr aus sich herauskommen sollen. Ecken und Kanten sucht man hier leider vergebens, was aber bei Balladen dieser Band auch eher selten ist.
Bridges In The Sky
Elf Minuten lassen hoffen, der Anfang mit programmiertem Rhythmus, seltsamen Geräuschen und Chor ist zumindest ungewohnt. Als dann losgerockt wird, hat man fast das Gefühl, dass das Album ja doch so langsam in Fahrt kommt. Leider ist auch hier das Klang-Problem sehr präsent. Und auch die melodische Entwicklung gerät wieder einmal ins Stocken. In der zweiten Hälfte steigert sich das jedoch unerwartet, so ganz will der Funke aber auch leider hier nicht überspringen.
Outcry
Und direkt wird ein weiterer Elf-Minüter nachgeschoben. Problem Schlagzeug: die programmierten Stellen passen so gar nicht zum Lied und das akustische klingt sehr dumpf, auch das tut dem Lied nicht gut. Im instrumentalen Mittelteil sind ein paar schöne rhythmische Experimente und ein kleiner feiner ruhiger Pianoteil, das ist aber leider auch schon alles. Und das Warten auf einen wirklichen Höhepunkt geht weiter.
Far From Heaven
Mit nicht mal vier Minuten fast schon sträflich kurz. James LaBrie steuert hier seinen einzigen Text auf dem Album bei, immerhin hat er einige Lieder mitkomponiert, das war in der Vergangenheit eher selten der Fall. Piano, Streicher, Gesang, sonst nichts. Das weiß zu gefallen und ist eine echte Entspannung für die Ohren, da hier der alles platt walzende Gitarrenklang durch Abwesenheit glänzt.
Breaking All Illusions
Auch John Myung darf nach einer gefühlten Ewigkeit noch mal texten, zwar liefert er nur die Textskizze, ausgearbeitet hat das dann John Petrucci, aber dennoch ein interessantes Detail. Das Lied lässt sich Zeit für einen spannenden Aufbau, mit einer Gesamtlänge von knapp zwölfeinhalb Minuten das längste Stück und – man höre und staune – ein echter Höhepunkt. Es gibt ungewöhnliche Passagen, spannende Instrumentalabfahrten und sogar eine Gesangsmelodie mit Wiederekennungswert, die erste auf diesem Album und die ruhigen Momente sind ebenfalls sehr gelungen. Na also, geht doch!
Beneath The Surface
Ballade Nummer Drei, das ist viel für ein Album dieser Band. Akustische Gitarre trägt das Lied, Streicher sorgen für ein wohliges Gefühl und James singt mit viel Emotion. Dazwischen schummelt sich noch ein seltsames und dennoch passendes Keyboardsolo. Ein sehr schöner Ausklang. Da hat das Album ja noch mal grad so die Kurve gekriegt.

Fazit:
Die erwähnten Probleme haben für mein Empfinden ein ganz klaren Ursprung: Das Fehlen von Mike Portnoy, und somit macht die Zeile ganz am Anfang auch Sinn. Da er in den letzten Jahren für die Produktion mit Petrucci gemeinsam verantwortlich war, hatte er offensichtlich großen Einfluss auf die Ausgewogenheit des Klangbildes. Da Petrucci das nun allein macht, drängt sich sein Instrument sehr in den Vordergrund. Das hat ja nichts mit seinen Fingerfertigkeiten an der Gitarre zu tun, da bleibt er weiterhin nahezu unantastbar, als Produzent braucht er jedoch einen Gegenpart. Da ist es schade, dass einer der weltbesten Tastenmänner so untergeht, hört man Rudess dann mal heraus, ist es eine wahre Freude. Myungs Bassspiel bleibt weiterhin effektiv und klasse, leider auch etwas zu weit hinten. Am meisten leiden jedoch zum einen LaBrie, der nur gelegentlich tolle Gesangsmelodien vorgegeben bekommt und zum anderen Mangini. Virtuos gibt er sich alle Mühe, möglichst nach seinem Vorgänger zu klingen, da gibt es handwerklich gar nichts zu beanstanden, leider verspielt er so die Gelegenheit ein eigenes Profil zu entwickeln. Da er bei dem Album jedoch noch nicht an der Komposition beteiligt war, kann sich das ja in Zukunft noch ändern. Auch ist festzustellen, dass er logischerweise noch längst nicht so eingespielt mit den Übrigen ist. Da hat Portnoy einfach 25 Jahre Vorsprung. Kann Dream Theater also ohne Portnoy funktionieren? Ja, nur braucht das noch Zeit sich zu entwickeln. Auf Konzerten funktioniert das schon bestens. Natürlich ist sämtliche Kritik Meckern auf hohem Niveau, und das letzte Drittel des Albums ist über jeden Zweifel erhaben, dennoch ist es meines Erachtens das schwächste Album der Band seit ihrem Debüt, und das hatte lediglich den Manko des falschen Sängers und der grausamen Bass-Abmischungen. Die Basis für ein neues Kapitel der Gruppe ist auf jeden Fall gegeben, ich bin sehr gespannt auf das nächste Album. Ich hatte gehofft, dass dieses Album noch wächst, deshalb habe ich mit der Rezension so lange gewartet, leider hat es das nicht getan. Und noch eine Bemerkung am Rande, die Limitierte Box ist echt lächerlich: bedingt schöne Aufmachung, kein exklusives Bonusmaterial und der CD-Version liegt KEIN Booklet bei. Dieses Manko macht auch die Vinyl nicht wett. Wenn man das mit den günstigeren limitierten Versionen aus dem Hause Steven Wilson und Konsorten vergleicht, wirkt das hier total überteuert. Da bot die vom Vorgängeralbum wesentlich mehr.

Punkte: 10/15

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