Steven Wilson – Grace For Drowning

Drei Jahre nach seinem Solodebut kommt das zweite Werk des Porcupine Tree-Masterminds. Laut eigenen Aussagen ist es sein ambitioniertestes, aufwendigstes und persönlichstes Werk. Wie sehr diese Attribute stimmen, wird deutlich, wenn man sich auf diese (zwei) musikalische(n) Reise(n) einlässt.

Volume 1: Deform To Form A Star
Grace For Drowning
Nur ruhiges Klavier gespielt von Dream Theater’s Jordan Rudess und Gesangsflächen eröffnen das Album sehr schön. Was kann auch schon schiefgehen, wenn mein favorisierter Komponist auf meinen favorisierten Tastenmann trifft.
Sectarian
Erinnert von der Stimmung an „No Twilight Within The Courts Of The Sun“, das Überwerk von „Insurgentes“, jedoch ist das hier etwas weniger komplex und rein instrumental. Auch hier gibt es eine Steigerung an Intensivität und Lautstärke, die sich zwischenzeitlich immer wieder melancholisch entlädt. Für Freunde seines ersten Albums genau der richtige Einstieg. Klasse.
Deform To Form A Star
Das Titelstück des ersten Albums des Doppelwerkes eröffnet wieder dieses unwiderstehliche Klavierspiel von Jordan Rudess. Aber dieses Mal gibt es auch Gesang. Der Meister selbst legt im Mittelteil ein unheimlich gefühlvolles Bluesgitarrensolo hin. Ansonsten besticht dieses Lied durch die typisch geniale Melodieführung, die Wilson-Kompositionen so einzigartig machen. Und grad denkt man, das Lied wär vorüber, kommt noch ein toller Schlussteil.
No Part Of Me
Leichtes Glockenspiel und elektrisches Schlagzeug, gespielt von Gasttrommler Pat Mastelotto von King Crimson, dann Streicher und Gesang. Gerade die warmen Streicher bereichern ungemein, waren diese auf dem ersten Album doch eher Mangelware. Aber schon bald müssen diese der elektrischen Gitarre weichen. Jetzt gibt es auch akustisches Schlagzeug und allerlei schräges Improvisieren. Auch sehr markant ist Theo Travis‘ außergewöhnliches Saxofonspiel.
Postcard
Stevens musikalischer Abschied an seinen im Frühjahr verstorbenen Vater. Das melancholische Klavier, dieses Mal nicht von Jordan Rudess gespielt und das Cello verbreiten eine traurige Stimmung, die von den übrigen Streichern noch ausgebaut wird. In der zweiten Hälfte, wenn das Schlagzeug einsetzt kommt noch ein Chor hinzu. Sehr ergreifend das Ganze. Im Übrigen ist das die erste Single des Albums.
Raider Prelude
Chor und Klavier geben einen düsteren Vorgeschmack auf das zentrale Stück des zweiten Albumvolumens.
Remainder The Black Dog
Es bleibt düster und wird dazu noch schräg im Takt. Auch hier wieder eine Spannung die sich immer wieder aufbaut um sich dann wieder zu entladen. Im Mittelteil gibt es dann ein geniales Wechselspiel von Theo Travis an sämtlichen Blasinstrumenten und Steve Hackett (ja, genau der, der früher mal bei Genesis zupfte) an der elektrischen Gitarre. Alles in allem ein klarer Höhepunkt eines sehr starken Albums im Album. Mal sehen was das zweite Volumen noch so bereithält.
Volume 2: Like Dust I Have Cleared From My Eye
Belle De Jour
Steven zupft die akustische Gitarre so wie man es von ihm noch nicht gehört hat. Das ist nicht spektakulär aber sehr schön, da viel Atmosphäre.
Index
Ein weiteres Mal holt sich Steven Wilson Unterstützung von Pat Mastelotto bei diesem etwas verrückten dennoch seltsam eingängigen Lied. Pure Magie würd‘ ich sagen.
Track One
Und wieder wird eine dieser genialen Melodieführungen ausgepackt nur um dann hinterrücks von düsterer Intensität ermeuchelt zu werden. Herrlich. Dann wird es wieder ruhig und es darf entspannt gezupft werden.
Raider II
Bei dem zentralen Stück des Werkes muss man etwas ausholen, schließlich lassen sich hier die Beteiligten dreiundzwanzig Minuten Zeit. Auch Jordan Rudess darf hier ein drittes Mal seinen Beitrag leisten. Ganz behutsam und vorsichtig kommt ein Element nach dem anderen, erst nach fast drei Minuten kommt der erste Ausbruch. Das Ganze Lied über werden so viele Klangfarben, unterschiedlichste Teile, Stimmungen und Instrumente eingeflochten, dass es unmöglich ist, das Ganze in Worte zu fassen. Da wird mal schräg Jazz musiziert, dann gerade heraus gerockt, nur um im nächsten Moment ganz zarte Melancholie aufleben zu lassen. Hier weiß man nie, was einen in der nächsten Minute erwartet, und dann stellt man fest, dass man gerade mal bei der Hälfte des Liedes angelangt ist. Und diese Spannung bleibt auch in der zweiten Hälfte präsent und ist da doch wieder ganz anders. Die Steigerung gegen Ende zerfetzt einem beinahe die Nerven. Danach darf das Lied noch zwei Minuten sanft mit ordentlich Bass ausklingen. Unterm Strich gibt es nur ein Wort, welches dieses Lied einigermaßen erfassen kann: Wahnsinn.
Like Dust I Have Cleared From My Eye
Hier kommt das Titelstück am Schluss. Elektrische Gitarre, Melancholie und Gesang. Hier muss nochmal die geschmackvolle Bassarbeit des großartigen Tony Levin (King Crismon, Peter Gabriel, Liquid Tension Experiment, Stickmen und wasweißichnochalles) hervorgehoben werden. Die letzten drei Minuten gibt es noch pure Atmosphäre auf die Ohren.
Volume 3: The Map (Demos + Out-Takes)
Für fleißige Sammler und Käufer des Super-Deluxe-Buches in blau gibt es noch ein weiteres Werk mit gesammelter Ausschussware, die keine ist.
Home In Negative
Dieses Lied gibt es als Appetithappen schon seit etwa einem Jahr in den Weiten des Internets. Eine schöne ruhige Nummer mit akustischer Gitarre, Orgel, Chor und weiteren Spielereien.
Fluid Tap
Ungewöhnlich schnelles Lied, welches einen ganz ordentlichen Schub entwickelt. In der Mitte gibt es noch ordentlich Schmackes obendrauf.
The Map
Elektronisches Rhythmusgetüftel und eine Menge sphärischer Elemente ergeben dieses interessante instrumentale Kleinod.
Raider Acceleration
Ein Hardrockiger Mittelteil aus Raider II, der es dann doch nicht ins endgültige Lied geschafft hat. Steht aber für sich auch sehr gut. Auffallend ist hier der rohe Demo-Klang. Hier wird richtig durchgedreht.
Black Dog Throwbacks
Wieder einmal gibt es eine Menge Atmosphäre, hier jedoch ausschließlich, und zwar die, die in „Remainder The Black Dog“ nur im Hintergrund zu vernehmen war.
Raider II (Demo Version)
Mit völlig anderer Instrumentierung und völlig anderem Arrangement des Wahnsinnsliedes wird hier eine beeindruckende Alternative präsentiert. Hier wird deutlich, wie viel Raum den beteiligten Musikern gelassen wurde um die Musik atmen zu lassen, da diese Rohfassung selbstverständlich vom Herrn Wilson alleine intoniert wurde.

Fazit:
Wirkte „Insurgentes“ noch wie eine Fusion aller Steven Wilson Projekte, bietet dieses Werk deutlich mehr einen eigenen Stil, der höchstens noch Referenzen zum besagten Debut aufweist. Klar ist seine Handschrift auch hier unverkennbar, dennoch bewegt sich das Ergebnis in eine völlig andere Richtung als Beispielsweise Porcupine Tree. Die hier allgegenwärtige jazzige Verspieltheit gab es bisher bei Steven Wilson noch nicht, allenfalls beim Schlagzeugarrangement von Gavin Harrison. Doch im Gegensatz zum ersten Album lässt Steven hier nicht Gavin, sondern zumeist Nic France die Stöcke schwingen. Dieser ist zwar nicht ganz so präzise, gibt den ganzen aber durch seine Free-Jazzige Spielweise einen Charakter, der sich so mehr vom bisherigen Schaffen des Herrn Wilson unterscheidet. Auch die anderen Gastmusiker machen ihre Sache erwartungsgemäß mehr als gut. Und auch der Meister selbst weiß immer wieder an allen Instrumenten zu begeistern, die er zwischen die Finger bekommt. Das ganze Album gibt es auch noch als Blu-Ray-Version, in dem Deluxe-Buch ist diese natürlich mit drin. Hierauf gibt es das Album in wie immer erstklassiger Raumklangabmischung. Dazu kann man sich die Texte, Bildergalerien (zu denen im blauen Buch abgedruckten) und sämtliche Lieder in ihren Demoversionen zu Gemüte führen. Zu einigen Stücken wurden auch Musikvideos gedreht, in denen man einen singenden Steven Wilson sieht, das gab es bisher in seinen Musikvideos, egal bei welchem seiner Projekte, nicht. Dazu gibt es wieder allerlei Surrealitäten. Für den ganzen visuellen Teil, also Fotos und Videos, ist wieder einmal mehr der geniale Lasse Hoile verantwortlich. Und als hätte ich es nicht vorher gewusst, verweist Steven Wilson die kürzlich von mir rezensierten Pain Of Salvation auf den zweiten Platz der Alben des Jahres. Da können Opeth, wie bereits beschrieben, Steve Hackett und auch Dream Theater, was in Kürze noch beschrieben werden wird, nicht mithalten. Und dass Steven Wilson sogar sein Debut und einen gar nicht mal so kleinen Teil seines bisherigen Schaffens, sogar einiges von Porcupine Tree, in den Schatten stellt, hab ich nur bedingt erwartet. Ein ganz großes Album.

Punkte: 15/15

3 Gedanken zu „Steven Wilson – Grace For Drowning

  1. Die Vergabe der Punkte wahr irgendwie zu erwarten- Wieso nennst Du „Secretarian“ Einstieg , wenn es doch nicht die „Overtüre“ des Albums ist, sondern vielmehr das 2te Lied- Verstehe ich nicht

    • Da das Titellied eher nur als Intro fungiert und „Sectarian“ somit das erste Songarrangement auf dem Album darstellt. Darüberhinaus meine ich das auch so, dass es Leuten den Einstieg erleichtern kann, die eine musikalische Fortführung des ersten Albums erwarten, da dieses Lied als Einziges auch auf diesem funktioniert hätte.

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