Opeth – Heritage

Das neue Album der einstigen Todes-Metaller ist da. Obwohl Steven Wilson behauptet, da wär kein Metal mehr, muss ich dem widersprechen (es soll ja Leute geben die denken, alles was der Herr Wilson tut oder sagt, wär für mich Gesetz, hier ist der Gegenbeweis). Aber der progressive Anspruch ist natürlich ungebrochen. Im Grunde genommen ist das Album eine logische Konsequenz der vorangegangenen. War es früher so, dass bei harten Passagen Growls zu finden waren und in akustisch-melancholischen Teilen reiner Gesang, war schon beim Vorgänger „Watershed“ auf „Burden“ und „Porcelain Heart“ trotz metallischer Teile kein Growl zu hören. Und ruhige Stellen waren nicht mehr nur akustisch. Nun gibt es also ein ganzes Album in dem Stil. Das kommt mir natürlich entgegen, da Growls zwar als gelegentliches Element ganz interessant sind, aber in meinen Augen zu wenig Variation bieten um auf Dauer reizvoll zu sein. Darüber hinaus sind die beiden genannten Lieder meine persönlichen Favoriten von Opeth. Trotzdem macht es auch mir die Band nicht leicht mit „Heritage“.

Heritage
Tastenmann Per Wiberg ist kürzlich aus der Band ausgestiegen, spielt dennoch neben Mastermind Mikael Åkerfeldt die meisten Tastenteile. Hier darf aber der (vorläufig?) neue Joakim Svalberg ein reines Klavierintro spielen. Sehr schön.
The Devil’s Orchard
Schließt da an, wo „Porcelain Heart“ aufgehört hat. Durchaus metallisch, aber nicht übermäßig hart, dafür mit viel Melodie und Dynamik. Zwischendurch darf es dann auch mal etwas jazzig sein – kein Einzelfall auf der Platte. Was folgt ist ein herrliches Auf und Ab. Sicherlich ist das nichts für jedermann, für mich ist das der perfekte Auftakt.
I Feel The Dark
Akustikgitarre und Gesang eröffnen dieses Lied. Dann kommt Hammondorgel dazu. Auch als das Schlagzeug einsetzt, hat man das Gefühl einer waschechten Ballade zu lauschen. Aber einen Mitsingchorus gibt es nicht. Und wieder kommt etwas Jazz dazwischen. Nach der Hälfte werden dann die akustischen gegen elektrische Gitarren getauscht und es wird ordentlich für eine Minute mit Rhythmik gespielt, dann wieder leiser und die akustische kommt wieder, dann wieder lauter, dann wieder Jazz usw., ziemlich cleveres Konstrukt das.
Slither
Einerseits wird hier gerade heraus Hardrock präsentiert, schließlich ist das Lied eine Hommage an Ronnie James Dio, aber Opeth wären nicht Opeth wenn da nicht noch was passieren würde, was dazu in Kontrast steht. So gibt es ein ruhiges akustisches Ende des Ganzen.
Nepenthe
Wie bei „I Feel The Dark“ beginnt es auch hier ruhig. Langsam und vorsichtig steigert sich das Lied, dann wird die Vorsicht kurz über Bord geworfen und es darf ganz kurz laut und ordentlich krumm im Zähler werden. Dann klingt es ähnlich aus wie es begonnen hat. Geradlinig ist das sicher nicht, Hardrock oder Metal aber auch nicht. Macht aber nichts.
Häxprocess
Da ist der Jazz wieder und bleibt er auch. Nicht so, wie man sich Jazz vorstellt, sondern wie man sich jazzende Opeth vorstellt. Am Ende gibt es noch eine schöne Bluesgitarre, das gab es so bei der Band sicher noch nicht.
Famine
Percussion und Flöte der beiden Gastmusiker Alex Acuña und Björn J:son Lindh und ein bisschen Keyboard legen los, abrupt abgelöst von Klavier und schließlich Gesang. Hat man jetzt das Gefühl, dass das Album ja doch etwas ruhig und unmetallisch sei, kommen die rockigen Teile in der Mitte genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch hier wird nicht bis zum Anschlag gerockt sondern nur angedeutet. Und erstmalig hört man Mikael in recht hohen Tonlagen – Kopfstimme hätte man ihm vor einigen Jahren noch nicht zugetraut.
The Lines In My Hand
Krumme Takte und Martin Axelrod trommelt sich wild um sein Leben. Ein sehr prägnanter Bass von seinem Namensvetter Mendez geben dem Lied ordentlich Schub. Gitarren spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, auch ungewohnt für die Band. Eigentlich interessant, dass sich gegen Ende ausgerechnet dieses Lied am ehesten nach Metal anhört.
Folklore
Im Gegensatz zum Liedtitel sind es dieses Mal nicht die akustischen Gitarren, sondern die elektrischen, die für einen ruhigen Beginn sorgen. Ab der Mitte, wenn gelegentlich etwas direkter in die Saiten gegriffen wird, lotet die Band alles an Dynamik aus, was im Rahmen des musikalischen Albumkonzeptes möglich ist. Das ausgeblendete Ende passt zwar zum Song, hält selbigen aber leider davon ab, ein wirkliches Meisterwerk zu sein, ist aber ansonsten ziemlich nahe dran.
Marrow Of The Earth
Ein ruhiger instrumentaler Blues zum Ausklang. Sehr gelungen und völlig untypisch.

In einigen Versionen gibt es noch zwei weitere Lieder:
Pyre
Die einzige Komposition des Albums die nicht ausschließlich aus Mikael Åkerfeldts Feder stammt, der zweite Gitarrenmann Fredrik Åkesson darf hier mitschreiben. Heraus kommt ein vergleichsweise eingängiges Stück, welches so auch auf Damnation gepasst hätte (ironischerweise war Åkesson damals noch nicht in der Band).
Face In The Snow
Eine wunderschöne ruhige Nummer. Kaum hat man sich gedacht, dass man den Chorus jetzt mitsingen könnte, schon ist das Lied zu Ende. So ist das mit den Erwartungen, bei Opeth wird einem da immer ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Fazit:
Wo bei „Damnation“ völlig auf Metal verzichtet wurde und die Band sich somit die Freiheit der vollendeten Dynamik ihrer Musik nahm, dürfen hier die Gitarren auch schon mal lauter sein. Der Metal ist zwar nicht mehr allgegenwärtig, bleibt aber ein Bestandteil, der immer mal wieder dazwischenfunkt, soviel zu der Aussage in der Einleitung. Ohrwürmer dürfen nach wie vor andere machen, so gibt es hier keinen Chorus, der als solcher zu erkennen wäre und auch Eingängigkeit ist hier kaum auszumachen. Da die beiden Bonuslieder jedoch in genau den beiden Punkten punkten, ist klar, warum diese nicht Teil des Albums sind. Im Gefüge zwischen den anderen Songs hätten diese wie Fremdkörper gewirkt. Unterm Strich ist es ein tolles Album geworden. Das was dem Album zum Meisterwerk fehlt, ist ein Über-Song wie die beiden oben genannten, auch wenn bei „Folklore“ nicht viel fehlt. Der Klang des Werkes ist wie zu erwarten war über jeden Zweifel erhaben, schließlich hat man mit Steven Wilson eine Klasse für sich im Bereiche des Abmischens zur Seite. Wer zur Version mit der DVD greift, darf das Ganze auch in 5.1 (auch vom Herrn Wilson gemischt) genießen. Audiophile wie ich ziehen diese Variante sowieso vor. Darüber hinaus kann man den Jungs in einer aufschlussreichen Dokumention zur Albumentstehung über die Schulter schauen.

Punkte: 12/15

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