Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)

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Nur knapp 18 Monate sind seit dem letzten Album vergangen, danach kamen noch eine Solo-Tour, eine No-Man-Tour, zwei Live-Dokumente, das Album mit Mikael Åkerfeldt und viele Auftragsarbeiten. Irgendwie hat Steven Wilson aber trotzdem Zeit gefunden, um sein drittes reguläres Soloalbum aufzunehmen, das erste mit fester Besetzung, die sich aus der letztjährigen Tour ergeben hat. Neben dem Meister selbst an Saiten und Tasten sind das Nick Beggs am Bass, Adam Holzman an den Tasten, Marco Minnemann an den Trommeln, Steven’s alter Gefährte Theo Travis an sämtlichen Blasinstrumenten und Guthrie Govan an der Gitarre, dessen Suche sich allerdings etwas schwieriger gestaltete. Für diese exzellenten Musiker musste Steven nun die passende Musik komponieren – eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe – und heraus kamen folgende Geistergeschichten:

Luminol
Los geht es mit dem Lied, welches schon auf der letzten Tour gespielt wurde und demzufolge auch auf der Live-Veröffentlichung Get All You Deserve zu hören und sehen war. Bass und Schlagzeug eröffnen diesen Zwölfminüter, schnell gesellen sich die übrigen Instrumente dazu und Theo darf auf seiner Flöte solieren. Abrupt wird sehr kurz für eine Gesangseinlage unterbrochen. Kurz darauf wird das Tempo reduziert und es geht äußerst verschachtelt weiter. Jeder darf hier schonmal kurz zeigen, was in ihm steckt, während das Tempo noch mal angezogen wird. Auf einmal wird es ruhig und mal fühlt sich mit sanfter Instrumentierung und Gesang in die frühen 70er Jahre versetzt. Erst gegen Ende wird das flotte Thema vom Anfang noch einmal aufgegriffen und es geht wieder deutlich zügiger zur Sache. Genialer Einstieg.
Drive Home
Eine Ballade, wie nur Steven Wilson sie schreiben kann und wie sie so auch auf einem Porcupine Tree-Album sein könnte. Der Gesang klingt seltsam anders als sonst und das London Session Orchestra unter der Leitung von Dave Stewart darf hier unterstützende Arbeit leisten. Als im dritten Drittel die Akustische einsetzt und ein Solo auf der Elektrischen folgt, sorgt das für den ersten Gänsehautmoment auf dem Album.
The Holy Drinker
Wieder wird die Zehn-Minuten-Marke überschritten und mit einem ordentlichen Hardrock-Einschlag wird hier losgelegt. Erst nach gut zwei Minuten wenn der Gesang einsetzt, wird das etwas reduziert. So entwickelt sich ein stetiges Auf und Ab, wirklich ruhig wird es dabei aber erstmal nicht. Sehr markant ist hier das immer wiederkehrende Orgelspiel. Eine Ruhepause gönnt man sich dann nach etwa sieben Minuten. Im äußerst spannendem Finale darf aber dann wieder ordentlich gerockt werden. Den Bass spielt Steven hier übrigens selbst, damit sich Nick am Chapmanstick austoben kann. An der Gitarre darf hier als Gast Alan Parsons solieren.
The Pin Drop
Mit gut fünf Minuten das kürzeste Stück auf der Platte. Steven singt hier ungewohnt hoch. Nach ruhigem Beginn gibt es auch hier druckvollen, komplexen Hardrock. Mit leichten Variationen wiederholt sich dieses Schema in der zweiten Hälfte.
The Watchmaker
Kommen wir nun zum klaren Höhepunkt des Albums. Akustische Gitarre bildet den Auftakt. Kommt der Gesang hinzu, klingt das fast wie frühe Genesis. Aber Steven Wilson wäre nicht Steven Wilson, wenn er es dabei belassen würde. Langsam steigert sich sowohl die Instrumentierung als auch die atmosphärische Intensität. Erst nach gut vier Minuten darf Marco mitmachen und es gibt einen Instrumentalteil der Extraklasse auf die Ohren. In der zweiten Hälfte folgt nun Gänsehaut auf Gänsehaut. Ob nun dank des Klaviers, des Gesangs, des anfangs zurückhaltenden Schlagzeugspiels, ist dabei unerheblich. Mit Genesis hat das hier nichts mehr gemein. Wirklich faszinierend sind dann die letzten Drei Minuten, in denen sich ein ordentlicher Schuss Härte und düsterer Gesang die Bälle zuspielen. Vor wenigen Tagen sah ich das gesamte Album live und diese Momente waren das bedrückenste und somit für mich beeindruckendste, was ich je auf einem Konzert erlebt habe, ganz ganz großes Kino.
The Raven That Refused To Sing
Das Titelstück beginnt sehr sanft und bleibt es die meiste Zeit auch. Steven singt die traurige Geschichte mit einer solchen Hingabe, dass der innere Schmerz des Protagonisten des Textes fast spürbar wird. Erst in der zweiten Hälfte dürfen die Musiker wieder alle mitmachen und ziehen noch mal alle Register. Fantastischer Ausklang eines fantastischen Albums.
Drive Home (Lounge Version)
Auf der DVD respektive Blu-Ray befindet sich eine nicht ganz ernst gemeinte instrumentale Version der Ballade die, wie der Name schon sagt, in einer Loungebar nicht weiter auffallen würde. Der Grund für diese Aufnahme wird wahrscheinlich einfach der sein: Weil sie es können. Deshalb wird der Stil auch in den letzten zwei Minuten etwas ad absurdum geführt und es wird sehr frei jazzig gejammt. Köstlich.
Clock Song
Auf der zweiten CD der limitierten Version des Albums befinden sich noch sämtliche Lieder in ihren Demo-Versionen. Mittendrin dieses Kleinod, welches es nicht auf das Album geschafft hat. Zum Tick-Tack einer Uhr gibt es eine Pianomelodie, Mellotronstreicher und allerhand Geräusche. Tja, so etwas schönes ist halt bei Steven Wilson manchmal nur Ausschussware, wenn es ihm nicht so recht in das Konzept passt.

Fazit:
Live kommt der ehemalige H-Blockx-Trommler Minnemann zwar etwas präsenter rüber, was er hier abliefert ist aber trotzdem über jeden Zweifel erhaben. Das gilt natürlich auch für die anderen Musiker. Dass Altmeister Alan Parsons die Aufnahmen überwacht hat, ist das fast schon ein unwichtiges Detail. Zu den Klängen des Albums kann man noch weitere Geistergeschichten im Buch der wie immer äußerst schicken limitierten Version lesen, die nicht vertont wurden. So gibt es hier die wirklich tolle Kurzgeschichte The Birthday Party und eine in zehn Kapitel gegliederte Geschichte zum Titelstück. Auf DVD und Blu-Ray gibt es neben den instrumentalen Versionen aller Lieder noch die obligatorische Raumklangabmischung, bei der sich Steven Wilson mal wieder selbst übertrifft. Vielleicht erhält er dieses Mal den Grammy, für den er in der Vergangenheit in der entsprechenden Kategorie immerhin schon vier Mal in den letzten sechs Jahren nominiert war. Nach dem Einstieg des Albums auf Platz drei der deutschen Charts und auch guten Verkäufen in anderen Ländern ist immerhin denkbar, dass er nicht weiter von den großen Mächten der Musik- und Medienindustrie ignoriert wird. Zu wünschen wäre es ihm allemal, denn wer schafft es schon mit jeder einzelnen Veröffentlichung (und das bei seiner Veröffentlichungsdichte) so dermaßen zu überzeugen. Zwar war der Vorgänger in meinen Ohren in seiner Gesamtheit noch eine Idee stärker, dennoch reicht es hier locker für die volle Punktzahl und wahrscheinlich jetzt schon für den Titel „Album des Jahres“, denn wer soll dieses Meisterwerk noch überbieten.

Punkte: 15/15

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