Neal Morse – Momentum


Mike Portnoy Wochen Teil 6, denn es hätte ein TransAtlantic-Album werden sollen. Da aber Roine Stolt mit seinen Flower Kings das leider etwas spannungsarme (jedoch nicht wirklich schlechte) Banks Of Eden und Pete Trewavas mit Marillion das gerade erschienene Sounds That Can’t Be Made aufnahm, wurde diese Idee schnell wieder verworfen. Weil Portnoy jedoch Zeit hatte (was in Anbetracht seine vielen Tätigkeiten einem Wunder gleicht), entschied sich der gute Neal für ein weiteres Solo-Prog-Album. Das zweite Testimony liegt nicht mal achtzehn Monate zurück und auch in der Zwischenzeit waren die Herren nicht untätig. So gab es neben den üblichen Fanclub-Veröffentlichungen und nach Live-Alben/DVDs sowohl von Neal (mit Mike) als auch von TransAtlantic allein dieses Jahr schon zwei gemeinsame Alben. Zum Einen natürlich das Flying Colors-Album, zum Anderen Cover 2 Cover mit Randy George am Bass, dem üblichen Dritten im Bunde bei Neals Prog-Alben. Letzteres ist der zweite Teil der gesammelten Cover-Aufnahmen, die während der Studiozeit der regulären Alben entstanden, in diesem Falle Lifeline, Testimony 2 und eben Momentum. Im Vorfeld war seitens des Protagonisten von einer Kreativexplosion während der Aufnahmen die Rede, mal sehen ob man das auch hören kann:

Momentum
Das Titelstück geht direkt in die Vollen und bevor man es merkt, ist man mitten im Geschehen. Irgendwo zwischen Hardrock und den Beatles gibt es hier einen Ohrwurm, der richtig Spaß macht. Altmeister Paul Gilbert darf hier noch ein pfeilschnelles Gitarrensolo zum besten geben. Sehr geil das.
Thoughts (Part 5)
Seit dem übermächtigen ersten Teil seiner damaligen Band Spock’s Beard sind inzwischen sechzehn Jahre vergangen und auch der tolle zweite Teil ist zwölf Jahre her. Teil drei und vier sind bisher nur ein Mythos, was hat also der fünfte zu bieten? Nach kurzen musikalischen Zitaten der beiden Vorgänger wird hier erwartungsgemäß verrückt gespielt. Da dürfen natürlich neben krummen Breaks die mehrstimmigen Gesänge nicht fehlen, die wohl keiner sonst so hinbekommt. An denen ist neben dem neuen Tourmusiker Eric Gillette auch Neals Sohn Wil beteiligt. Nach einem kleinen Bass-Zwischenspiel beweist der Meister, dass auch er selbst nach wie vor für hervorragende Gitarrensoli sorgen kann. Was Portnoys Beitrag an der Trommel angeht, da ist ganz großes Kino angesagt. Insgesamt ist das wohl der härteste Teil der Reihe.
Smoke And Mirrors
Gezupfte akustische Gitarre ist bei Balladen des Herren eher selten, von daher ein angenehmer frischer Wind. Ansonsten ist das Lied nicht weiter spektakulär, aber sehr schön.
Weathering Sky
Und noch einmal wird es recht rockig, dieses Mal sogar mit Talkbox. Dennoch ist das natürlich sehr melodiös. Die Gitarre darf zwischen den Zeilen immer mal wieder kreischen.
Freak
Sofort ist man dank der Streicher, die wie üblich von Chris Carmichael gespielt werden, an den Beatles-Klassiker Eleanor Rigby erinnert. Im Gegensatz zu dem offensichtlichen Vorbild wird hier im Laufe des Liedes das Instrumentarium um Bass, Gitarre und Perkussion erweitert, zwei mal gar durch volle Bandinstrumentierung. Ungewöhnlich und klasse.
World Without End
Und schon ist man beim letzten Lied des Albums angekommen, und das obwohl nichtmal die Halbzeit erreicht ist. Mit fast vierunddreißig Minuten ist dies sogar bei Neal Morse eines der längsten Stücke. Länger waren in seinem Soloschaffen nur Part One der Testimony und ?, wenn man diese denn als ganze Lieder anstatt als Zyklen sehen will. Diese gute halbe Stunde hier fällt äußerst kurzweilig aus:
– Introduction
Morse-/TransAtlantic-typisch gibt es eine instrumentale Overtüre, die schonmal einige Themen vorwegnimmt und aufzeigt, welche Stimmungswechsel einen erwarten. Gastmusiker Adson Sondré zeigt hier schonmal sein Können, auf der folgende Tour wird er an der Gitarre begleiten. Eine sehr gute Wahl.
– Never Pass Away
In ungewohnter Stimmlage gibt es das erste Lied im Lied. Hier wird weitestgehend gerade heraus gerockt, nur unterbrochen von dem ein oder anderen etwas getragenerem Moment.
– Losing Your Soul
Jetzt geht es etwas dreckiger zur Sache und auch die Takte werden krummer und der Gesang wird verzerrt.
– The Mystery
Deutlich zurückhaltender ist dieses Kleinod, welches mit Klarinette und Flöte stellenweise leicht mittelalterlich anmutet. Diese und eine weitere Gitarre sowie zusätzliche Tasten werden hier im Übrigen von Bill Hubauer gespielt, einem weiteren neuen Tourmusiker in der Band. Im weiterten Verlauf wird ordentlich mit Dynamik gespielt.
– Some Kind Of Yesterday
Fühlt man sich wie in einer typischen Morse’schen Ballade, hält dieser Eindruck nur solange vor, wie gesungen wird. Was dann folgt ist mit Worten kaum zu beschreiben, denn allmählich steigert sich das Lied zur wohl abgefahrensten Instrumentalrevue die einem bisher im musikalischem Universum des Herrn untergekommen ist. Ein verrücktes Basssolo und Polyrhythmik sind da nur die Eckpfeiler. Da wird gelärmt, soliert, durchgedreht. Das ist herrlich und genial, absoluter Höhepunkt der Platte.
– Never Pass Away (Reprise)
Der hymnische Endteil greift nochmals die Themen aus dem gleichnamigen früheren Kapitel auf, wenn auch etwas weniger rockig, und bildet somit den Abschluss, den dieses Mammutwerk von einem Lied verdient.

Fazit:
Das Wort Kreativexplosion ist vielleicht etwas hochgegriffen, mit Momentum, Thoughts (Part 5) und World Without End hat das Album aber drei der stärksten Neal Morse Solonummern im Gepäck und der Rest ist deutlich mehr als Füllware. Auch wenn keines dieser Lieder an sein Meisterstück Author Of Confusion herankommt, gibt es nicht wirklich etwas zu bemängeln, wobei die Langnummer einige der besten Momente liefert. Wie inzwischen bei seinen Alben üblich gibt es in der limitierten Version noch eine DVD mit der Dokumentation der Albumaufnahmen, wie immer sehr interessant und es macht Spaß den Jungs bei der Arbeit zuzuschauen. Was allerdings neu ist, sind die Musikvideos, hier zu Momentum, Thoughts (Part 5) und Weathering Sky. Diese bestehen aus Studioaufnahmen ergänzt durch einen durch Stadt und Land wandernden und singenden Herrn Morse. Das ist zwar nicht essentiell, aber eine nette kleine Zugabe. Alles in Allem ist eine wirklich sehr runde Scheibe herausgekommen, die es locker mit Neals bisherigen Solo-Großtaten Testimony 1 und 2 und Sola Scriptura aufnehmen kann. Neulich waren Neal und Mike schon wieder gemeinsam im Studio, was allerdings dabei entstanden ist und in welchem Rahmen das erscheinen wird, ist jedoch noch nicht bekannt, aber man kann sich sicher sein, das es klasse wird.

Punkte: 13/15

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