Arjen Anthony Lucassen – Lost In The New Real


18 Jahre nach seinem ersten Soloalbum kommt nun das zweite. Und wie es nicht anders zu erwarten war, handelt es sich mal wieder um ein Konzeptalbum. Der auch schon auf dem ein oder anderen Ayreon-Album in Erscheinung getretene Protagonist Mr. L ist krank und wird in Kryonik versetzt und wieder erweckt, sobald ein Heilmittel vorhanden ist. Die Geschichte handelt nun davon wie der frisch erweckte und geheilte Mr. L die ihm nun fremd gewordene neue Gegenwart erlebt. Untermalt wird das mit den für Lucassen typischen Klängen und ausnahmsweise fast komplett von ihm selbst gesungen. Als Erzähler fungiert Dr. Voight-Kampff, hinter dem sich niemand geringeres als Schauspieler Rutger Hauer verbirgt.

The New Real
Nach kurz erzählter Einleitung (wie bei jedem Lied der ersten CD) geht es getragen los. Das klingt schwer nach seinem Projekt Guilt Machine, sprich viel Floyd mit Elektro und sparsamen Riffs garniert. So steigert sich das Lied in typischer Manier und auch eine Panflöte darf mitmischen. Sehr guter Einstieg.
Pink Beatles In A Purple Zeppelin
Pink Floyd, The Beatles, Deep Purple und Led Zeppelin sind bekanntlich seine größten musikalischen Helden. Auch wenn der Titel Einfluss von all diesen suggeriert, wird nur derer der Pilzköpfe deutlich. So erweist sich das Lied als Bruder von der Lucy im Himmel mit einem hübsch ironischen Text darüber, dass man musikalisch eigentlich nichts neues mehr schaffen kann, da die Ideen erschöpft sind.
Parental Procreation Permit
Symphonisch, kraftvoll und mit Streichern angereichert, in Punkto Härte jedoch zuerst zurückhaltent inszeniert, erinnert das an frühe Ayreon. Die etwas raueren Stellen bestätigen das. Die rhythmischen Spielereien in der letzten Minute sind spannend und Lucassen versucht sich sogar ganz kurz im Growling.
When I’m A Hundred Sixty-Four
Wer erinnert sich nicht an die folkloristischen Elemente aus der Human Equation. Hier wird das mit einer erneuten Beatles-Anspielung im Titel auf ein ganzes Lied ausgedehnt. Kurz und akustisch ergibt das eine schöne Nummer.
E-Police
Jetzt wird erstmalig schneller losgelegt. Ein unwiderstehlicher Ohrwurmrocker ist das Ergebnis. Im Text wird die aktuelle Debatte der Urheberrechte durch Verbreitung im Internet aufgegriffen. Das geschieht wiedermal mit einem leicht ironischem Unterton.
Don’t Switch Me Off
Eine eher ruhige Nummer mit düsteren Klavierklängen, lässt jedoch im Refrain entspannt aufatmen. Das trügt, geht es hier doch um den Zweifel an der Realität.
Dr Slumber’s Eternity Home
Ein leichtes, flottes Akustikliedchen folgt. Inder zweiten Hälfte wandelt sich das für einen kurzen Moment schliesslich unbemerkt metallisch bis es mit Banjo begleitet wieder in die Ursprungsform zurück geht.
Yellowstone Memorial Day
Und wieder wird seine Vergangenheit deutlich, hier ist es ganz klar das letzte Ayreon-Album 01011001 welches musikalisch Pate stand. Mit viel Industrialklängen und griffigen Riffs ist hier das einzige reine Progessive Metal Stück zu finden und bildet einen Höhepunkt.
Where Pigs Fly
Nur mit Streichern und Gesang geht es hier los. Dann setzt das Schlagzeug ein und die üblichen Lucassen-Elemente werden in einen Topf geworfen und umgerührt. Das macht richtig Spaß. Der Text ist herrlich und besteht eigentlich nur aus einer Aufzählung von Unwahrheiten, genaues hinhören lohnt sich und man wird sich ein breites Grinsen nicht verkneifen können. Beispiele gefällig? „ET dialed the wrong number“ oder „Madonna is a virgin“.
Lost In The New Real
Das Titellied ist mit über zehn Minuten das längste und unterteilt sich in sechs Kapitel. Soviel vorweg, der absolute Höhepunkt des Albums.
Ghosts
Düster und bedrohlich mit einen ordentlichen Schuss Melancholie.
Dead Or Alive…
In so genannter Halftime geht es weiter. Die Atmosphäre verdichtet sich und macht die Angelegenheit ungemein spannend.
Synthetic State Of Consciousness
Rhythmisch anders, melodisch jedoch unbeirrt fortführend, ist hier der emotionale Kern erreicht.
Blissful Ignorance
Dieser geht in ein kleines ruhiges instrumentales Zwischenspiel über. Zuerst akustisch, dann mit einem schönen Solo auf der Elektrischen.
A Second Chance?
Schliesslich geht es doch noch etwas härter zur Sache. Lucassen zieht hier alle Register und packt alles was seinen Stil ausmacht in diesen Wahnsinn.
Switch Me Off
Ein ruhiger Ausklang dieses genialen Stücks und somit auch des Albums, zumindest in der regulären Version.

Die limitierte Version hält nämlich noch eine zweite CD bereit, die im Wechsel Eigenkompositionen und Covers enthält. Dabei passt alles musikalisch sowie textlich in das Konzept des Albums, nur in den Fluss des Albums hätte es nicht gepasst. Rutger Hauer ist hier nicht mehr dabei, entsprechende einleitende Worte sind hier aber im Booklet nachzulesen.
Our Imperfect Race
Nach einer starken langen instrumentalen Einleitung kommt die Akustikgitarre wieder zum Einsatz. Mit viel Fellbearbeitung schleicht sich auch das Schlagzeug wieder ein. Das Ergebnis stellt einen Großteil des regulären Albums in den Schatten, ein großartiges Lied.
Welcome To The Machine
Zuerst nimmt er sich einen Pink Floyd-Klassiker vor. Aus der wohl unbekanntesten Nummer vom Wish You Were Here macht er eine sehr interessante Industrial-Metal-Variante. Einfach nur eins-zu-eins kopieren war noch nie sein Ding, man hör nur mal sein Strange Hobby Album, auf dem sich auch schon ein paar Floyd-Stücke tummelten.
So Is There No God?
Und wieder ist man in vertrauten Ayreon-Gefilden mit allem was dazu gehört, nur der Metal muss aussen vor bleiben. Auch hier lohnt es sich dem Text zu lauschen.
Veteran Of The Psychic Wars
Diesem Lied von Blue Oyster Cult nimmt er den für die Band typischen Hard Rock und ersetzt ihn durch allerlei Spielereien. Hier darf die Gitarre natürlich auch mal etwas aggressiver Klingen, im Vordergrund steht hier aber definitiv der Synthesizer, welcher nur durch das erwähnte Instrument ergänzt wird. Wird im Original in der zweiten Hälfte heftig gerockt, geschieht genau das hier nicht.
The Social Recluse
Und wieder lässt er einen großen Teil des eigentlichen Albums mit einer grandiosen Nummer hinter sich. Mit einer Melodieentwicklung die seinesgleichen sucht und tollem mehrstimmigen Refrain beweist er wie gut er mit seiner Stimme umgehen kann.
Battle Of Evermore
Um das „The“ im Titel beraubt singt er hier das einzige Duett des Albums. Mit einer Sängerin mit dem Namen Elvya Dulcimer wird hier ein Lied von Led Zeppelin intoniert. Anders als beim Original gibt es hier Schlagzeug und die elektrische Gitarre wird zum recht harten Finale aus dem Schrank geholt.
The Space Hotel
Hard Rock allererster Güte wird hier geboten, wenn auch nur so wie Herr Lucassen ihn machen kann. Eigentlich ist es sträflich eine so tolle Nummer auf den Bonusbereich zu verbannen.
Some Other Time
Cover vier kommt vom Alan Parsons Project. Dabei entfernt er sich sehr weit vom Original und ergänzt das Ausgangsstück um viel Schlagzeug und elektronische Elemente. In der letzten halben Minute gibt es dann noch ordentlich eins drauf.
You Have Entered The Reality Zone
Seine letzte Eigenkomposition kombiniert folkloristische Gitarre mit metallischen Riffs und viel Melodie. Mit einer Flöte ergibt das ein interessantes Kleinod.
I’m The Slime
Völlig Schräg wie sein Erschaffer Frank Zappa kommen wir zum letzten Lied. Verfremdeter Gesang, der fast wie ein Rap anmutet plus Metal plus Jazz und schon ist nach nicht mal drei Minuten Schluss.

Fazit:
Mit erstaunlich wenig Metal aber allen Zutaten die man von ihm kennt, serviert uns der Meister hier ein reifes, vielseitiges Werk. Wie auch schon bei den Nebenprojekten Star One und Guilt Machine kommt der Höhepunkt am Ende des regulären Albums. Und wie bei erstgenannten gibt es auf der Bonus-CD vieles, was ein ohnehin sehr gelungenes Album nochmals ordentlich aufwertet. Seine Coversongs sind interessant und verweisen ausnahmslos ihre Original in die Schranken. Alles andere hat er wie immer allein komponiert. Sämtliche Keyboards, Gitarren und Bässe hat er erwartungsgemäß selbst eingespielt. Seine alten bekannten Rob Snijders und Ed Warby teilen sich die Schlagzeugarbeit und an Flöte und Streichern darf gastiert werden. Hier wird zwar nicht ganz die Dichte von Guilt Machine oder den letzten beiden Ayreon-Werken erreicht und schon gar nicht die Härte von Star One, Referenzen zu Ambeon oder Stream of Passion sind auch nicht auszumachen, das Ergebnis jedoch ist super. Da dem Kerl wohl nie die Ideen ausgehen, darf man gespannt sein, was er als nächstes macht. Ich wäre ja für ein zweites Album von Guilt Machine, aber wie man ihn kennt, macht er wieder etwas völlig anderes.

Punkte: 12/15

Ein Gedanke zu „Arjen Anthony Lucassen – Lost In The New Real

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