Steven Wilson – The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)

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Nur knapp 18 Monate sind seit dem letzten Album vergangen, danach kamen noch eine Solo-Tour, eine No-Man-Tour, zwei Live-Dokumente, das Album mit Mikael Åkerfeldt und viele Auftragsarbeiten. Irgendwie hat Steven Wilson aber trotzdem Zeit gefunden, um sein drittes reguläres Soloalbum aufzunehmen, das erste mit fester Besetzung, die sich aus der letztjährigen Tour ergeben hat. Neben dem Meister selbst an Saiten und Tasten sind das Nick Beggs am Bass, Adam Holzman an den Tasten, Marco Minnemann an den Trommeln, Steven’s alter Gefährte Theo Travis an sämtlichen Blasinstrumenten und Guthrie Govan an der Gitarre, dessen Suche sich allerdings etwas schwieriger gestaltete. Für diese exzellenten Musiker musste Steven nun die passende Musik komponieren – eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe – und heraus kamen folgende Geistergeschichten:

Luminol
Los geht es mit dem Lied, welches schon auf der letzten Tour gespielt wurde und demzufolge auch auf der Live-Veröffentlichung Get All You Deserve zu hören und sehen war. Bass und Schlagzeug eröffnen diesen Zwölfminüter, schnell gesellen sich die übrigen Instrumente dazu und Theo darf auf seiner Flöte solieren. Abrupt wird sehr kurz für eine Gesangseinlage unterbrochen. Kurz darauf wird das Tempo reduziert und es geht äußerst verschachtelt weiter. Jeder darf hier schonmal kurz zeigen, was in ihm steckt, während das Tempo noch mal angezogen wird. Auf einmal wird es ruhig und mal fühlt sich mit sanfter Instrumentierung und Gesang in die frühen 70er Jahre versetzt. Erst gegen Ende wird das flotte Thema vom Anfang noch einmal aufgegriffen und es geht wieder deutlich zügiger zur Sache. Genialer Einstieg.
Drive Home
Eine Ballade, wie nur Steven Wilson sie schreiben kann und wie sie so auch auf einem Porcupine Tree-Album sein könnte. Der Gesang klingt seltsam anders als sonst und das London Session Orchestra unter der Leitung von Dave Stewart darf hier unterstützende Arbeit leisten. Als im dritten Drittel die Akustische einsetzt und ein Solo auf der Elektrischen folgt, sorgt das für den ersten Gänsehautmoment auf dem Album.
The Holy Drinker
Wieder wird die Zehn-Minuten-Marke überschritten und mit einem ordentlichen Hardrock-Einschlag wird hier losgelegt. Erst nach gut zwei Minuten wenn der Gesang einsetzt, wird das etwas reduziert. So entwickelt sich ein stetiges Auf und Ab, wirklich ruhig wird es dabei aber erstmal nicht. Sehr markant ist hier das immer wiederkehrende Orgelspiel. Eine Ruhepause gönnt man sich dann nach etwa sieben Minuten. Im äußerst spannendem Finale darf aber dann wieder ordentlich gerockt werden. Den Bass spielt Steven hier übrigens selbst, damit sich Nick am Chapmanstick austoben kann. An der Gitarre darf hier als Gast Alan Parsons solieren.
The Pin Drop
Mit gut fünf Minuten das kürzeste Stück auf der Platte. Steven singt hier ungewohnt hoch. Nach ruhigem Beginn gibt es auch hier druckvollen, komplexen Hardrock. Mit leichten Variationen wiederholt sich dieses Schema in der zweiten Hälfte.
The Watchmaker
Kommen wir nun zum klaren Höhepunkt des Albums. Akustische Gitarre bildet den Auftakt. Kommt der Gesang hinzu, klingt das fast wie frühe Genesis. Aber Steven Wilson wäre nicht Steven Wilson, wenn er es dabei belassen würde. Langsam steigert sich sowohl die Instrumentierung als auch die atmosphärische Intensität. Erst nach gut vier Minuten darf Marco mitmachen und es gibt einen Instrumentalteil der Extraklasse auf die Ohren. In der zweiten Hälfte folgt nun Gänsehaut auf Gänsehaut. Ob nun dank des Klaviers, des Gesangs, des anfangs zurückhaltenden Schlagzeugspiels, ist dabei unerheblich. Mit Genesis hat das hier nichts mehr gemein. Wirklich faszinierend sind dann die letzten Drei Minuten, in denen sich ein ordentlicher Schuss Härte und düsterer Gesang die Bälle zuspielen. Vor wenigen Tagen sah ich das gesamte Album live und diese Momente waren das bedrückenste und somit für mich beeindruckendste, was ich je auf einem Konzert erlebt habe, ganz ganz großes Kino.
The Raven That Refused To Sing
Das Titelstück beginnt sehr sanft und bleibt es die meiste Zeit auch. Steven singt die traurige Geschichte mit einer solchen Hingabe, dass der innere Schmerz des Protagonisten des Textes fast spürbar wird. Erst in der zweiten Hälfte dürfen die Musiker wieder alle mitmachen und ziehen noch mal alle Register. Fantastischer Ausklang eines fantastischen Albums.
Drive Home (Lounge Version)
Auf der DVD respektive Blu-Ray befindet sich eine nicht ganz ernst gemeinte instrumentale Version der Ballade die, wie der Name schon sagt, in einer Loungebar nicht weiter auffallen würde. Der Grund für diese Aufnahme wird wahrscheinlich einfach der sein: Weil sie es können. Deshalb wird der Stil auch in den letzten zwei Minuten etwas ad absurdum geführt und es wird sehr frei jazzig gejammt. Köstlich.
Clock Song
Auf der zweiten CD der limitierten Version des Albums befinden sich noch sämtliche Lieder in ihren Demo-Versionen. Mittendrin dieses Kleinod, welches es nicht auf das Album geschafft hat. Zum Tick-Tack einer Uhr gibt es eine Pianomelodie, Mellotronstreicher und allerhand Geräusche. Tja, so etwas schönes ist halt bei Steven Wilson manchmal nur Ausschussware, wenn es ihm nicht so recht in das Konzept passt.

Fazit:
Live kommt der ehemalige H-Blockx-Trommler Minnemann zwar etwas präsenter rüber, was er hier abliefert ist aber trotzdem über jeden Zweifel erhaben. Das gilt natürlich auch für die anderen Musiker. Dass Altmeister Alan Parsons die Aufnahmen überwacht hat, ist das fast schon ein unwichtiges Detail. Zu den Klängen des Albums kann man noch weitere Geistergeschichten im Buch der wie immer äußerst schicken limitierten Version lesen, die nicht vertont wurden. So gibt es hier die wirklich tolle Kurzgeschichte The Birthday Party und eine in zehn Kapitel gegliederte Geschichte zum Titelstück. Auf DVD und Blu-Ray gibt es neben den instrumentalen Versionen aller Lieder noch die obligatorische Raumklangabmischung, bei der sich Steven Wilson mal wieder selbst übertrifft. Vielleicht erhält er dieses Mal den Grammy, für den er in der Vergangenheit in der entsprechenden Kategorie immerhin schon vier Mal in den letzten sechs Jahren nominiert war. Nach dem Einstieg des Albums auf Platz drei der deutschen Charts und auch guten Verkäufen in anderen Ländern ist immerhin denkbar, dass er nicht weiter von den großen Mächten der Musik- und Medienindustrie ignoriert wird. Zu wünschen wäre es ihm allemal, denn wer schafft es schon mit jeder einzelnen Veröffentlichung (und das bei seiner Veröffentlichungsdichte) so dermaßen zu überzeugen. Zwar war der Vorgänger in meinen Ohren in seiner Gesamtheit noch eine Idee stärker, dennoch reicht es hier locker für die volle Punktzahl und wahrscheinlich jetzt schon für den Titel „Album des Jahres“, denn wer soll dieses Meisterwerk noch überbieten.

Punkte: 15/15

Neal Morse – Momentum


Mike Portnoy Wochen Teil 6, denn es hätte ein TransAtlantic-Album werden sollen. Da aber Roine Stolt mit seinen Flower Kings das leider etwas spannungsarme (jedoch nicht wirklich schlechte) Banks Of Eden und Pete Trewavas mit Marillion das gerade erschienene Sounds That Can’t Be Made aufnahm, wurde diese Idee schnell wieder verworfen. Weil Portnoy jedoch Zeit hatte (was in Anbetracht seine vielen Tätigkeiten einem Wunder gleicht), entschied sich der gute Neal für ein weiteres Solo-Prog-Album. Das zweite Testimony liegt nicht mal achtzehn Monate zurück und auch in der Zwischenzeit waren die Herren nicht untätig. So gab es neben den üblichen Fanclub-Veröffentlichungen und nach Live-Alben/DVDs sowohl von Neal (mit Mike) als auch von TransAtlantic allein dieses Jahr schon zwei gemeinsame Alben. Zum Einen natürlich das Flying Colors-Album, zum Anderen Cover 2 Cover mit Randy George am Bass, dem üblichen Dritten im Bunde bei Neals Prog-Alben. Letzteres ist der zweite Teil der gesammelten Cover-Aufnahmen, die während der Studiozeit der regulären Alben entstanden, in diesem Falle Lifeline, Testimony 2 und eben Momentum. Im Vorfeld war seitens des Protagonisten von einer Kreativexplosion während der Aufnahmen die Rede, mal sehen ob man das auch hören kann:

Momentum
Das Titelstück geht direkt in die Vollen und bevor man es merkt, ist man mitten im Geschehen. Irgendwo zwischen Hardrock und den Beatles gibt es hier einen Ohrwurm, der richtig Spaß macht. Altmeister Paul Gilbert darf hier noch ein pfeilschnelles Gitarrensolo zum besten geben. Sehr geil das.
Thoughts (Part 5)
Seit dem übermächtigen ersten Teil seiner damaligen Band Spock’s Beard sind inzwischen sechzehn Jahre vergangen und auch der tolle zweite Teil ist zwölf Jahre her. Teil drei und vier sind bisher nur ein Mythos, was hat also der fünfte zu bieten? Nach kurzen musikalischen Zitaten der beiden Vorgänger wird hier erwartungsgemäß verrückt gespielt. Da dürfen natürlich neben krummen Breaks die mehrstimmigen Gesänge nicht fehlen, die wohl keiner sonst so hinbekommt. An denen ist neben dem neuen Tourmusiker Eric Gillette auch Neals Sohn Wil beteiligt. Nach einem kleinen Bass-Zwischenspiel beweist der Meister, dass auch er selbst nach wie vor für hervorragende Gitarrensoli sorgen kann. Was Portnoys Beitrag an der Trommel angeht, da ist ganz großes Kino angesagt. Insgesamt ist das wohl der härteste Teil der Reihe.
Smoke And Mirrors
Gezupfte akustische Gitarre ist bei Balladen des Herren eher selten, von daher ein angenehmer frischer Wind. Ansonsten ist das Lied nicht weiter spektakulär, aber sehr schön.
Weathering Sky
Und noch einmal wird es recht rockig, dieses Mal sogar mit Talkbox. Dennoch ist das natürlich sehr melodiös. Die Gitarre darf zwischen den Zeilen immer mal wieder kreischen.
Freak
Sofort ist man dank der Streicher, die wie üblich von Chris Carmichael gespielt werden, an den Beatles-Klassiker Eleanor Rigby erinnert. Im Gegensatz zu dem offensichtlichen Vorbild wird hier im Laufe des Liedes das Instrumentarium um Bass, Gitarre und Perkussion erweitert, zwei mal gar durch volle Bandinstrumentierung. Ungewöhnlich und klasse.
World Without End
Und schon ist man beim letzten Lied des Albums angekommen, und das obwohl nichtmal die Halbzeit erreicht ist. Mit fast vierunddreißig Minuten ist dies sogar bei Neal Morse eines der längsten Stücke. Länger waren in seinem Soloschaffen nur Part One der Testimony und ?, wenn man diese denn als ganze Lieder anstatt als Zyklen sehen will. Diese gute halbe Stunde hier fällt äußerst kurzweilig aus:
– Introduction
Morse-/TransAtlantic-typisch gibt es eine instrumentale Overtüre, die schonmal einige Themen vorwegnimmt und aufzeigt, welche Stimmungswechsel einen erwarten. Gastmusiker Adson Sondré zeigt hier schonmal sein Können, auf der folgende Tour wird er an der Gitarre begleiten. Eine sehr gute Wahl.
– Never Pass Away
In ungewohnter Stimmlage gibt es das erste Lied im Lied. Hier wird weitestgehend gerade heraus gerockt, nur unterbrochen von dem ein oder anderen etwas getragenerem Moment.
– Losing Your Soul
Jetzt geht es etwas dreckiger zur Sache und auch die Takte werden krummer und der Gesang wird verzerrt.
– The Mystery
Deutlich zurückhaltender ist dieses Kleinod, welches mit Klarinette und Flöte stellenweise leicht mittelalterlich anmutet. Diese und eine weitere Gitarre sowie zusätzliche Tasten werden hier im Übrigen von Bill Hubauer gespielt, einem weiteren neuen Tourmusiker in der Band. Im weiterten Verlauf wird ordentlich mit Dynamik gespielt.
– Some Kind Of Yesterday
Fühlt man sich wie in einer typischen Morse’schen Ballade, hält dieser Eindruck nur solange vor, wie gesungen wird. Was dann folgt ist mit Worten kaum zu beschreiben, denn allmählich steigert sich das Lied zur wohl abgefahrensten Instrumentalrevue die einem bisher im musikalischem Universum des Herrn untergekommen ist. Ein verrücktes Basssolo und Polyrhythmik sind da nur die Eckpfeiler. Da wird gelärmt, soliert, durchgedreht. Das ist herrlich und genial, absoluter Höhepunkt der Platte.
– Never Pass Away (Reprise)
Der hymnische Endteil greift nochmals die Themen aus dem gleichnamigen früheren Kapitel auf, wenn auch etwas weniger rockig, und bildet somit den Abschluss, den dieses Mammutwerk von einem Lied verdient.

Fazit:
Das Wort Kreativexplosion ist vielleicht etwas hochgegriffen, mit Momentum, Thoughts (Part 5) und World Without End hat das Album aber drei der stärksten Neal Morse Solonummern im Gepäck und der Rest ist deutlich mehr als Füllware. Auch wenn keines dieser Lieder an sein Meisterstück Author Of Confusion herankommt, gibt es nicht wirklich etwas zu bemängeln, wobei die Langnummer einige der besten Momente liefert. Wie inzwischen bei seinen Alben üblich gibt es in der limitierten Version noch eine DVD mit der Dokumentation der Albumaufnahmen, wie immer sehr interessant und es macht Spaß den Jungs bei der Arbeit zuzuschauen. Was allerdings neu ist, sind die Musikvideos, hier zu Momentum, Thoughts (Part 5) und Weathering Sky. Diese bestehen aus Studioaufnahmen ergänzt durch einen durch Stadt und Land wandernden und singenden Herrn Morse. Das ist zwar nicht essentiell, aber eine nette kleine Zugabe. Alles in Allem ist eine wirklich sehr runde Scheibe herausgekommen, die es locker mit Neals bisherigen Solo-Großtaten Testimony 1 und 2 und Sola Scriptura aufnehmen kann. Neulich waren Neal und Mike schon wieder gemeinsam im Studio, was allerdings dabei entstanden ist und in welchem Rahmen das erscheinen wird, ist jedoch noch nicht bekannt, aber man kann sich sicher sein, das es klasse wird.

Punkte: 13/15

Storm Corrosion – Storm Corrosion


Mike Portnoy Wochen Teil 5, das ist natürlich Quatsch. Ursprünglich war er aber für das gemeinsame Projekt von Opeths Lars Mikael Åkerfeldt und Porcupine Trees Steven Wilson eingeplant. Als sich das jedoch immer weiter hinzog und musikalisch einen völlig anderen Weg einschlug, war da kein Platz mehr für Portnoy. Die wenigen Schlagzeugeinsätze auf dem Album hat dann Stevens Bandkollege Gavin Harrison übernommen. Für das Ergebnis der Zusammenarbeit lassen sich nur schwer Worte finden, ich versuche es trotzdem:

Drag Ropes
Düstere Streicher eröffnen das Album. Dann setzt Mikaels Gesang ein. Hinzu kommen noch ein paar spärlich gesetzte Klaviertöne, auch sphärische Klänge dürfen nicht fehlen. Dann übernimmt die Akustikgitarre mit leichter Perkussion. Den einzigen Refrain des Albums singt dann Steven. Darauf folgt ein kurzer Instumentalteil und Klavier und Streicher setzen wieder ein. Der mehrstimmige Gesang dann ist nicht von dieser Welt und treibt die bedrohliche Stimmung auf die Spitze. Schliesslich darf auch eine elektrische Gitarre vorsichtig gezupft werden. Als Mikaels Gesang wieder einsetzt, fühlt man sich fast in die ruhigen Momente von Opeth versetzt. Die Demoversion auf der Blu-Ray unterscheidet sich hiervon nur minimal, die Streicher treten dort im Vergleich zumeist in den Hintergrund.
Storm Corrosion
Hier übernimmt Steven den Leadgesang und Mikael zupft sich auf der Akustischen zurecht, lässt aber auch die Elektrische nicht ganz aussen vor, so darf er zwischen den Gesangsteilen zurückhaltend solieren. Die Ambientspielereien im späteren Verlauf wirken wie eine reduzierte Version der Droneexperimente von Wilson.
Hag
Tiefe Basstöne und hohe Klavierklänge machen hier den Anfang. Der folgende Basslauf ist fast schon eingängig und die Streicher tun ihr Übriges. Auch hier wird wieder die elektrische Gitarre gezupft. Unterbrochen wird das Ganze dann von Gelächter, welches schnell wieder verstummt. Später wird alles inklusive wildem Schlagzeug durch den Verzerrer gejagt. In der Demoversion auf der Blu-Ray hingegen ist klarer Schlagzeugklang zu hören, was das Lied in meinen Ohren noch etwas intensiver macht. Dann endet das Lied etwa wie es begonnen hat.
Happy
Naja, glücklich klingt definitiv anders. Nach ähnlichen Muster, wenn auch noch zurückhaltender als das Titelstück. Der langgezogene Gesang Wilsons hier ist allerdings einmalig.
Lock Howl
Mit etwas mehr Tempo und Schub bahnt sich das einzige reine Instrumental des Albums seinen Weg in die Gehörgänge. Akustikgitarre, Streicher, Perkussion und Keyboard und schliesslich auch ein Glockenspiel sind hier die Zutaten.
Ljudet Innan
In extrem hoher Stimmlage singt Åkerfeldt die erste Strophe. Daraufhin gibt es wieder traurige Streicher. Allmählich kommen wieder mehrere Elemente hinzu. Behutsam jazziges Schlagzeug und gefühlvolles Gezupfe leiten zur zweiten Strophe über, nun vorgetragen von Wilson. In diesem Schema variiert das Lied bis zum Schluss. Einen minimalen Hauch hebt sich so dieses Lied von den anderen ab.

Fazit:
Mit drei Liedern etwa um die zehn Minuten lassen sich die beiden hier viel Zeit, um die Atmosphäre auszubreiten. Nüchtern betrachtet funktionieren alle Songs nach recht ähnlichem Prinzip, dieses ist jedoch so ungemein effektiv, dass das völlig egal ist und eher dazu beiträgt, dass alles wie eine musikalische Reise wirkt. Dachte man, dass Insurgentes stellenweise an Düsternis nicht zu überbietet wär, belehren uns die Herren hier auf Albumlänge eines Besseren. Siebenundvierzig Minuten Gänsehaut erzeugt insebesondere die Raumklangabmischung auf der beiliegenden Blu-Ray, wenn man denn zu dieser Version gegriffen hat, was ich definitiv empfehle. Auf voller Lautstärke bitte! Ich halte dieses Album für das faszinierendste Stück Musik welches mir bisher untergekommen ist. Höhepunkte sind hier nicht zu erkennen, oder anders gesagt, der Höhepunkt erstreckt sich über die gesamte Laufzeit. Mit gewohnten Klängen der beiden Musiker hat das Ganze tatsächlich nur bedingt zu tun.

Punkte: 15/15

Arjen Anthony Lucassen – Lost In The New Real


18 Jahre nach seinem ersten Soloalbum kommt nun das zweite. Und wie es nicht anders zu erwarten war, handelt es sich mal wieder um ein Konzeptalbum. Der auch schon auf dem ein oder anderen Ayreon-Album in Erscheinung getretene Protagonist Mr. L ist krank und wird in Kryonik versetzt und wieder erweckt, sobald ein Heilmittel vorhanden ist. Die Geschichte handelt nun davon wie der frisch erweckte und geheilte Mr. L die ihm nun fremd gewordene neue Gegenwart erlebt. Untermalt wird das mit den für Lucassen typischen Klängen und ausnahmsweise fast komplett von ihm selbst gesungen. Als Erzähler fungiert Dr. Voight-Kampff, hinter dem sich niemand geringeres als Schauspieler Rutger Hauer verbirgt.

The New Real
Nach kurz erzählter Einleitung (wie bei jedem Lied der ersten CD) geht es getragen los. Das klingt schwer nach seinem Projekt Guilt Machine, sprich viel Floyd mit Elektro und sparsamen Riffs garniert. So steigert sich das Lied in typischer Manier und auch eine Panflöte darf mitmischen. Sehr guter Einstieg.
Pink Beatles In A Purple Zeppelin
Pink Floyd, The Beatles, Deep Purple und Led Zeppelin sind bekanntlich seine größten musikalischen Helden. Auch wenn der Titel Einfluss von all diesen suggeriert, wird nur derer der Pilzköpfe deutlich. So erweist sich das Lied als Bruder von der Lucy im Himmel mit einem hübsch ironischen Text darüber, dass man musikalisch eigentlich nichts neues mehr schaffen kann, da die Ideen erschöpft sind.
Parental Procreation Permit
Symphonisch, kraftvoll und mit Streichern angereichert, in Punkto Härte jedoch zuerst zurückhaltent inszeniert, erinnert das an frühe Ayreon. Die etwas raueren Stellen bestätigen das. Die rhythmischen Spielereien in der letzten Minute sind spannend und Lucassen versucht sich sogar ganz kurz im Growling.
When I’m A Hundred Sixty-Four
Wer erinnert sich nicht an die folkloristischen Elemente aus der Human Equation. Hier wird das mit einer erneuten Beatles-Anspielung im Titel auf ein ganzes Lied ausgedehnt. Kurz und akustisch ergibt das eine schöne Nummer.
E-Police
Jetzt wird erstmalig schneller losgelegt. Ein unwiderstehlicher Ohrwurmrocker ist das Ergebnis. Im Text wird die aktuelle Debatte der Urheberrechte durch Verbreitung im Internet aufgegriffen. Das geschieht wiedermal mit einem leicht ironischem Unterton.
Don’t Switch Me Off
Eine eher ruhige Nummer mit düsteren Klavierklängen, lässt jedoch im Refrain entspannt aufatmen. Das trügt, geht es hier doch um den Zweifel an der Realität.
Dr Slumber’s Eternity Home
Ein leichtes, flottes Akustikliedchen folgt. Inder zweiten Hälfte wandelt sich das für einen kurzen Moment schliesslich unbemerkt metallisch bis es mit Banjo begleitet wieder in die Ursprungsform zurück geht.
Yellowstone Memorial Day
Und wieder wird seine Vergangenheit deutlich, hier ist es ganz klar das letzte Ayreon-Album 01011001 welches musikalisch Pate stand. Mit viel Industrialklängen und griffigen Riffs ist hier das einzige reine Progessive Metal Stück zu finden und bildet einen Höhepunkt.
Where Pigs Fly
Nur mit Streichern und Gesang geht es hier los. Dann setzt das Schlagzeug ein und die üblichen Lucassen-Elemente werden in einen Topf geworfen und umgerührt. Das macht richtig Spaß. Der Text ist herrlich und besteht eigentlich nur aus einer Aufzählung von Unwahrheiten, genaues hinhören lohnt sich und man wird sich ein breites Grinsen nicht verkneifen können. Beispiele gefällig? „ET dialed the wrong number“ oder „Madonna is a virgin“.
Lost In The New Real
Das Titellied ist mit über zehn Minuten das längste und unterteilt sich in sechs Kapitel. Soviel vorweg, der absolute Höhepunkt des Albums.
Ghosts
Düster und bedrohlich mit einen ordentlichen Schuss Melancholie.
Dead Or Alive…
In so genannter Halftime geht es weiter. Die Atmosphäre verdichtet sich und macht die Angelegenheit ungemein spannend.
Synthetic State Of Consciousness
Rhythmisch anders, melodisch jedoch unbeirrt fortführend, ist hier der emotionale Kern erreicht.
Blissful Ignorance
Dieser geht in ein kleines ruhiges instrumentales Zwischenspiel über. Zuerst akustisch, dann mit einem schönen Solo auf der Elektrischen.
A Second Chance?
Schliesslich geht es doch noch etwas härter zur Sache. Lucassen zieht hier alle Register und packt alles was seinen Stil ausmacht in diesen Wahnsinn.
Switch Me Off
Ein ruhiger Ausklang dieses genialen Stücks und somit auch des Albums, zumindest in der regulären Version.

Die limitierte Version hält nämlich noch eine zweite CD bereit, die im Wechsel Eigenkompositionen und Covers enthält. Dabei passt alles musikalisch sowie textlich in das Konzept des Albums, nur in den Fluss des Albums hätte es nicht gepasst. Rutger Hauer ist hier nicht mehr dabei, entsprechende einleitende Worte sind hier aber im Booklet nachzulesen.
Our Imperfect Race
Nach einer starken langen instrumentalen Einleitung kommt die Akustikgitarre wieder zum Einsatz. Mit viel Fellbearbeitung schleicht sich auch das Schlagzeug wieder ein. Das Ergebnis stellt einen Großteil des regulären Albums in den Schatten, ein großartiges Lied.
Welcome To The Machine
Zuerst nimmt er sich einen Pink Floyd-Klassiker vor. Aus der wohl unbekanntesten Nummer vom Wish You Were Here macht er eine sehr interessante Industrial-Metal-Variante. Einfach nur eins-zu-eins kopieren war noch nie sein Ding, man hör nur mal sein Strange Hobby Album, auf dem sich auch schon ein paar Floyd-Stücke tummelten.
So Is There No God?
Und wieder ist man in vertrauten Ayreon-Gefilden mit allem was dazu gehört, nur der Metal muss aussen vor bleiben. Auch hier lohnt es sich dem Text zu lauschen.
Veteran Of The Psychic Wars
Diesem Lied von Blue Oyster Cult nimmt er den für die Band typischen Hard Rock und ersetzt ihn durch allerlei Spielereien. Hier darf die Gitarre natürlich auch mal etwas aggressiver Klingen, im Vordergrund steht hier aber definitiv der Synthesizer, welcher nur durch das erwähnte Instrument ergänzt wird. Wird im Original in der zweiten Hälfte heftig gerockt, geschieht genau das hier nicht.
The Social Recluse
Und wieder lässt er einen großen Teil des eigentlichen Albums mit einer grandiosen Nummer hinter sich. Mit einer Melodieentwicklung die seinesgleichen sucht und tollem mehrstimmigen Refrain beweist er wie gut er mit seiner Stimme umgehen kann.
Battle Of Evermore
Um das „The“ im Titel beraubt singt er hier das einzige Duett des Albums. Mit einer Sängerin mit dem Namen Elvya Dulcimer wird hier ein Lied von Led Zeppelin intoniert. Anders als beim Original gibt es hier Schlagzeug und die elektrische Gitarre wird zum recht harten Finale aus dem Schrank geholt.
The Space Hotel
Hard Rock allererster Güte wird hier geboten, wenn auch nur so wie Herr Lucassen ihn machen kann. Eigentlich ist es sträflich eine so tolle Nummer auf den Bonusbereich zu verbannen.
Some Other Time
Cover vier kommt vom Alan Parsons Project. Dabei entfernt er sich sehr weit vom Original und ergänzt das Ausgangsstück um viel Schlagzeug und elektronische Elemente. In der letzten halben Minute gibt es dann noch ordentlich eins drauf.
You Have Entered The Reality Zone
Seine letzte Eigenkomposition kombiniert folkloristische Gitarre mit metallischen Riffs und viel Melodie. Mit einer Flöte ergibt das ein interessantes Kleinod.
I’m The Slime
Völlig Schräg wie sein Erschaffer Frank Zappa kommen wir zum letzten Lied. Verfremdeter Gesang, der fast wie ein Rap anmutet plus Metal plus Jazz und schon ist nach nicht mal drei Minuten Schluss.

Fazit:
Mit erstaunlich wenig Metal aber allen Zutaten die man von ihm kennt, serviert uns der Meister hier ein reifes, vielseitiges Werk. Wie auch schon bei den Nebenprojekten Star One und Guilt Machine kommt der Höhepunkt am Ende des regulären Albums. Und wie bei erstgenannten gibt es auf der Bonus-CD vieles, was ein ohnehin sehr gelungenes Album nochmals ordentlich aufwertet. Seine Coversongs sind interessant und verweisen ausnahmslos ihre Original in die Schranken. Alles andere hat er wie immer allein komponiert. Sämtliche Keyboards, Gitarren und Bässe hat er erwartungsgemäß selbst eingespielt. Seine alten bekannten Rob Snijders und Ed Warby teilen sich die Schlagzeugarbeit und an Flöte und Streichern darf gastiert werden. Hier wird zwar nicht ganz die Dichte von Guilt Machine oder den letzten beiden Ayreon-Werken erreicht und schon gar nicht die Härte von Star One, Referenzen zu Ambeon oder Stream of Passion sind auch nicht auszumachen, das Ergebnis jedoch ist super. Da dem Kerl wohl nie die Ideen ausgehen, darf man gespannt sein, was er als nächstes macht. Ich wäre ja für ein zweites Album von Guilt Machine, aber wie man ihn kennt, macht er wieder etwas völlig anderes.

Punkte: 12/15

OSI – Fire Make Thunder


Mike Portnoy Wochen Teil 4, dieses mal ist er wieder nicht dabei. Entstanden ist das Office Of Strategic Influence mit seiner und Kevin Moores Beteiligung, wie seinerzeit auch Dream Theater. Bei denen sind inzwischen ja bekanntlich beide nicht mehr. Die Idee hierzu hatte allerdings Jim Matheos von Fates Warning. Nach Album Nummer zwei hat Portnoy hier allerdings schon seine Koffer gepackt. Dafür kam auf dem dritten Album Gavin Harrison, der auch auf dem neuen trommelt. Und dieser agiert hier deutlich freier als auf dem letzten Werk.

Cold Call
Im Radio laufende Nachrichten und Industrial-Spielereien eröffnen das erste Lied. Direkt wird der typische düstere Tonus von OSI wieder deutlich. Langsam bahnt sich Jims Gitarre den Weg bis Gavins Schlagzeug einsetzen darf und mit direkten Riffs losgerockt wird. Nach gut zweieinhalb Minuten kommt der markante Gesang von Kevin Moore. Im Folgenden wird mit den gegebenen Mitteln viel variiert.
Guards
Durch den Klangfilter gejagtes Schlagzeug legt hier los. Schnell und direkt ist hier das Konzept. Der Refrain ist sogar fast schon so etwas wie ein Ohrwurm, bei dieser Band ist das ja schon eine Besonderheit.
Indian Course
Eine Akustikballade bei OSI, klingt ungewöhnlich, ist es auch. Wunderschön.
Enemy Prayer
Der Höhepunkt des Albums – gar des bisherigen Bandschaffens – ist die einzige Instrumentalnummer. Hier wird Gavin erstmalig als Mitautor erwähnt. Bis heute ist er den anderen Beiden nicht persönlich begegnet. Dass dabei ein so herrliches Zusammenspiel entstehen kann, ist beeindruckend. Es wird gerockt, krummgetaktet, das Tempo gewechselt, soliert, alles was der Progger braucht.
Wind Won’t Howl
Ruhiger Anfang, langsamer Aufbau und viel Intensität bringen direkt den zweiten Höhepunkt hinterher. In gemäßigtem Tempo wird hier wohliges Unwohlsein geschaffen. Eiskalt wird hier eine Gänsehaut nach der anderen erzeugt.
Big Chief II
Ob es „Big Chief I“ auch gibt, bleibt ein Geheimnis, dieser vermeintlich zweite Teil ist rau und hart. Mit einem abgehackten Ende ist auch schon Schluss bevor man merken kann, wie cool das Lied eigentlich ist.
For Nothing
Härte und Geschwindigkeit wird wieder reduziert und auch echtes Schlagzeug gibt es hier ausnahmsweise keins. Der programmierte Rhythmus schadet der Dynamik aber erfreulicher Weise kein bisschen. Insgesamt bleibt es ruhig und auch die sonstigen Riffs von Jim Matheos müssen dieses mal aussen vor bleiben.
Invisible Men
Mit knapp zehn Minuten kommt zum Abschluss das längste Stück des Albums. Hier werden noch mal alle Zutaten der OSI-Musik ausgepackt. Von ruhigen Momenten über harte Riffs, düstere Stimmung und viel Melancholie wird hier alles abgedeckt was man von dieser Band kennt und auch hören will. Ein getragenes Gitarrensolo gegen Ende rundet das Ganze dann noch hervorragend ab. Danach darf dann das Album mit viel Atmosphäre ausklingen.

Fazit:
Vielseitigkeit war noch nie ein Markenzeichen des Projektes, aber das was sie machen, machen sie genial. Außerdem ist ihr sperriger und düsterer Stil nach wie vor Ureigen. Und weil sie genau das immer weiter verfeinern und ihrem gebuchten Trommler immer mehr Freiraum geben, gestaltet sich dieses Album als ihr bisher reifstes und bestes Werk. Gäste gibt es auf diesem Album keine. Alles ausser das Schlagzeug wird von den Herren Moore und Matheos selbst bedient und auch am Mikrofon ist Moore dieses Mal der Einzige. Harrison macht erwartungsgemäß einen hervorragenden Job. Songdienlich und präziser als die gesamte Konkurrenz ist es wie immer eine Freude ihm zuzuhören. In drei Jahren gibt es dann wohl das nächste Werk, insofern die Herren ihren Veröffentlichungsrhythmus beibehalten. Im Gegensatz zu den anderen drei Alben gibt es hier keine limitierte Version mit weiteren Liedern auf einer zweiten Scheibe. Das mag mit dem Labelwechsel von InsideOut zu Metal Blade zusammenhängen. Bei so einem exzellenten Album kann man das allerdings gut verschmerzen.

Punkte: 12/15

Flying Colors – Flying Colors


Mike Portnoy Wochen Teil 3, ein weiteres neues Projekt mit dem Herren. Und ein weiteres mit Neal Morse, zumal die Beiden ja auch bei TransAtlantic, Yellow Matter Custard und Neals Solowerken zusammenarbeiten. Wer weiss, woran die noch gemeinsam schrauben. Hier gibt es noch den nicht verwandten Steve Morse, seines Zeichens hauptberuflich bei den Dixie Dregs und Deep Purple beschäftigt. Von Ersteren hat er auch gleich Basser Dave LaRue mit ins Boot geholt. Ein weitgehend unbeschriebenes Blatt hingegen ist der Sänger und Rhythmusgitarrist Casey McPhearson von Alpha Rev. Zusammen machen sie nicht ganz das, was man erwarten würde, denn es klingt im Großen und Ganzen nicht nach den Hauptbands der Einzelnen.

Blue Ocean
Nach einem kleinen Studiochat geht es mit Bass, Schlagzeug und nach und nach dem Rest los. Zum Refrain steigert sich das Ganze noch ein bisschen und es zeigt sich, das Casey hervorragend zu den Anderen passt. Ein bisschen hört man zwar TransAtlantic raus, das aber eher zwischen den Zeilen. Neal darf hier die Zweitstimme singen und Steve ein sehr bluesiges Solo auf seiner Klampfe zum Besten geben. Geht gut ins Ohr.
Shoulda Coulda Woulda
Flott und heftig gibt es hier Hard Rock allererster Güte auf die Ohren. Dank des verzerrten Gesangs, der etwas an Matthew Bellamy erinnert, wirkt das fast wie ein Muse-Frühwerk, ohne eine Kopie zu sein. Zum Schluss hin darf sich Herr Portnoy noch schön austoben. Laut Steve Morse war das nicht geplant, sondern eine spontane Improvisation von Mike. Weil alle so begeistert davon waren, blieb es drin.
Kayla
Die Strophen im Siebenachteltakt, der Refrain im Sechsachtel, da werden die Progressiven Wurzeln deutlich. Im Midtempo geht es hier zu Werke. Der kleine Kanonteil schmeichelt in bester Neal Morse Manier die Ohren bevor ein weiters Gitarrensolo selbiges tut.
The Storm
Ruhiger Anfang, rockiger Mitsingrefrain, und das dann nochmal. Im danach folgenden Fast-Instrumentalteil wird dann schön mit der Dynamik gespielt. Das Ergebnis ist zwar nicht spektakulär, macht aber echt Laune.
Forever In A Daze
Mit Funkrock findet sich die nächste Klangfarbe des Albums ein, bevor es etwas lauter zur Sache geht. Und wieder schütteln die Jungs eine Orwurmmelodie aus dem Ärmel als wenn es nichts wär. Dazu gibt es noch ein super Basssolo.
Love Is What I’m Waiting For
Ein längst verschollenes Beatles-Lied aus deren Spätphase scheint hier aufzutauchen. Auch hier wieder ohne wie eine Kopie zu wirken, dazu ist der Gesang zu eigenständig. Und Zack. Ende. Plötzlich.
Everything Changes
Die erste Ballade des Albums, natürlich um Dreivierteltakt, mit viel Akustikgitarre. Nach etwa der Hälfte darf das dann auf einmal ganz anders Klingen, wenn Neal Morse ein kleinen Alleingang an Piano und Gesang bestreitet. Mit Solo auf der Elektrischen geht es dann zurück ins vorherige Schema. Mit dem Ende lassen sie sich dann richtig Zeit und streuen noch ein wenig Spielerei mit ein.
Better Than Walking Away
Und direkt folgt die zweite Ballade. Langsam baut sich das Lied auf und braucht etwa die Hälfte seiner Laufzeit, bis alle Elemente schliesslich zusammenfinden. Hier hört man ganz deutlich die Handschrift von Neal heraus. So gestaltet sich dieses Lied ähnlich wie die Balladen seiner Solowerke, mit dem Unterschied dass er selbst nur im Hintergrund mitsingt.
All Falls Down
Dafür geht es jetzt im Turbogang weiter: Schnell, laut und definitiv anders als alles Bisherige. Jeder darf hier etwas solieren und man wird nach nicht mal vier Minuten etwas ratlos zurückgelassen. Sehr geil das!
Fool In My Heart
Da Mike sich dieses Lied erdacht hat, darf er hier auch den Leadgesang übernehmen. Für meine Begriffe purer Blues, der in der von Casey gesungenen Bridge nochmal die vorhin genannten Einflüsse Muse und Beatles auf einen Nenner bringt. Wie das geht? Das bleibt nur selbst nach zu hören.
Infinite Fire
Die Länge von zwölf Minuten lässt vermuten, dass sich hier für Progger der Höhepunkt verbirgt. Und so kommt es dann auch. Hier werden alle Register gezogen! Tempi-, Takt- und Rhythmuswechsel, mehrstimmiger Gesang, exzellente Melodieführung, Dynamik, Soli aller Beteiligten, Groove wie Sau, polyrhythmik, alles was das Herz begehrt. Nachdem sich Neal hörbar auf dem Album zurückgehalten hat, tritt er hier etwas deutlicher hervor. Heraus kommt der absolute Kracher, genial.

Fazit:
Blues, Alternative Rock, Progressive Rock, Hard Rock, Funk und was nicht sonst noch alles wird hier zu einem großen Ganzen gesponnen. Der Spass an der Sache ist den Musikern anzumerken. Bleibt zu hoffen, dass das nicht die einzige Veröffentlichung dieses gemeinsamen Projektes bleibt. Bisher ist dies zumindest das stärkste Album des nicht mehr ganz so jungen Jahres. Da aber in naher Zukunft noch mindestens zwei gemeinsame Alben von Neal und Mike erscheinen werden, darf man gespannt sein, ob das so bleibt.

Punkte: 13/15

Adrenaline Mob – Omertá


Mike Portnoy Wochen Teil 2, und dieses mal ist er auch selber dabei. Nun ist seine neue Gruppe aber weder Progressive Rock noch Progressive Metal, Relevanz in diesen Genres hat es dennoch nicht nur auf Grund seines Hintergrundes. Russell Allen kennt man ja nun auch in ProgMetal-Gefilden dank seiner Hauptband Symphony X, seiner Mitwirkung an Arjen A. Lucassen’s Star One und dem ein oder anderen Gastauftritt. Mike Orlando war mir bisher allerdings noch kein Begriff und ist hier für sämtliche Saiteninstrumente verantwortlich. In dieser Besetzung hat die Band das Album eingespielt. Das Ergebnis ist Metal vom Feinsten. Inzwischen ist noch John Moyer von Disturbed als Bass-Zupfer hinzugekommen, da war das Album allerdings schon im Kasten.

Undaunted
Zu Beginn gibt es gleich ordentlich auf die Fresse. Von der Geschwindigkeit ist es noch etwas zurückhaltend, die Gitarren krachen dafür umso mehr. Russell schreit als wäre er der Gruppe des neuen Bassmannes entsprungen. Einen kurzen Entspannungsmoment gibt es auch und man erkennt sofort Portnoys typisches Spiel. Danach darf Mike Orlando zeigen was er Solo-technisch drauf hat. Super Einstieg.
Psychosane
Das kennt man schon von der EP. Es scheppert etwas mehr noch als beim ersten Lied. Wie auf fast dem kompletten letzten Symphony X Album brüllt Russell als ob es kein morgen geben würde, bietet aber im Gegensatz dazu hier schon mehr Zwischentöne als dort auf Albumlänge.
Indifferent
Nach hartem Einstieg wird schnell die Härte zurück geschraubt und der Mann am Mikrofon schöpft all sein Können aus. Dass er davon mehr hat als ein Großteil der Konkurrenz sollte klar sein. Die Melodie geht sofort ins Ohr und auch Portnoy darf stellenweise etwas durchdrehen. Unterm Strich bleibt zwar auch dieses Lied eher hart, dafür ist das Ganze aber sehr melodisch. Definitiver Höhepunkt der Platte, mehr davon bitte!
All On The Line
Erstmals wird die Akustikklampfe hervorgeholt und wieder einmal bedarf der Gesang einer besonderen Erwähnung. Ab dem Refrain gibt es zwar auch wieder die elektrische Gitarre, im Albumkontext darf man das aber getrost als Ballade bezeichnen.
Hit The Wall
Jetzt geht es wieder richtig zur Sache. Dabei wird es stellenweise fast schon progressiv, an anderen Stellen dafür richtig aggressiv. Mit über sechs Minuten ist es der längste Track. Demzufolge gibt es viele instrumentale Passagen zu hören, herrlich. Auch dieses Lied ist schon auf der EP zu finden, ging dort aber etwas unter. Hier ist es genau richtig platziert und markiert so den zweiten Höhepunkt.
Feelin’ Me
Mit seiner geradewegs nach vorne gehenden Marschrichtung wird dieses Lied bestimmt auf Konzerten ein Fan-Favorit, es darf auch gerne mitgegröhlt werden. Bei dieser Stimmgewalt kann man auch gar nicht anders. Mehr bleibt hier nicht zu sagen.
Come Undone
Im Hardrock-Gewand und mit Unterstützung von der Sängerin Lzzy Hale begeben sich die Jungs an ein Duran Duran-Lied. Musikalisch hat das natürlich nur noch die Melodiefolge und den Text mit dem Original gemein. Die hohe Frauenstimme setzt hier einen hervorragenden Kontrast zum Organ des Sängers.
Believe Me
Und noch eins von der EP. In den Strophen recht schwermetallisch, ist der Refrain etwas entspannter gehalten. Ein schönes Gitarren-Solo und ein kurzer ruhiger Zwischenmoment runden das Ganze ab.
Down To The Floor
In ähnlich harter Manier geht es direkt weiter und auch dieses kennt man schon von der EP. Wer bei dem Lied ruhig bleibt, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Stadion-Metal könnte man das nennen, dem Bandnamen wird hier alle Ehre gemacht.
Angel Sky
Ballade Nummer zwei wenn man so will. Im Sechsachteltakt gibt es zwar auch hier das ein oder andere griffige Riff, insgesamt ist es aber wohl das ruhigste Lied der Platte und genau die Entspannung die man vor dem Finale noch braucht…
Freight Train
…denn das hat es in sich. Noch einmal zieht die Band alle Register des geballten Talents. Wie der Titel gebende Zug rollt das Lied mit ordentlich Dampf. Im Prinzip dem Eröffnungslied nicht unähnlich schließt sich so musikalisch der Kreis des Albums.

Fazit:
Mike Portnoy scheint hier ein neues zu Hause gefunden zu haben, seine Spielfreude ist allgegenwärtig. Vertrackte Rhythmen haben hier zwar kaum Platz, aber dafür gibt es ja die zahlreichen Projekte mit Neal Morse. Russell Allen darf hier alles geben, nachdem es bei Symphony X in jüngster Vergangenheit zu wenig Freiheit zur Entfaltung seines unglaublichen Talentes gab. Vielseitiger bekommt man ihn dieser Tage wohl nur bei Star One zu hören. Hier macht er alles richtig. Mike Orlando ist fast schon eine Offenbarung, die Riffs sind zwar nicht weiter spektakulär, aber seine zahlreichen Soli sind vielseitig, präzise und innovativ, das lässt großartiges für die Zukunft erwarten. Das Album ist äußerst gelungen, das hätte ich nach der EP nicht ganz so erwartet. Es befinden sich zwar bis auf das Black Sabbath-Cover „The Mob Rules“ alle Lieder davon auch auf dem Album, aber erstens sind diese noch einmal überarbeitet und zweitens bot die EP keine wirkliche Vielseitigkeit. Verteilt auf dem Album wächst jedes dieser Lieder ungemein. Dazu hat man hier mit „Indifferent“ einen Song für die Ewigkeit. Da darf in Zukunft gerne noch mehr von dieser Band kommen.

Punkte: 12/15

Dream Theater – A Dramatic Turn Of Events

Mike Portnoy Wochen Teil 1, und das obwohl besagter Herr gar nicht mehr dabei ist. Und dann kommt meine Rezension auch noch ein halbes Jahr zu spät. Das hat auch einen Grund, dazu aber später mehr. Mit Mangini als Mike-Nachfolger gibt es gewohnte Traumtheater-Kost auf die Ohren. Obwohl so gewohnt klingt das dann doch nicht. Ob das allein am Trommlerwechsel liegt, soll folgende Analyse klären:

On The Backs Of Angels
Der erste Vorbote des Albums eröffnet selbiges auch. Mit sanfter Gitarre wird kurz eingestimmt. Langsam kommen Schlagzeug, Keyboard und Bass dazu. Dann wird losgerockt, wie man es von der Band kennt. Direkt wird das Problem des Klangs dieses Albums deutlich: Die Gitarre ist so in den Vordergrund gemischt, dass es fast egal ist, was an den anderen Instrumenten vorgeht. Nur wenn die Klampfe mal aussetzt merkt man wie großartig da sonst musiziert wird. Irgendwo kann man auch Gesang erkennen. Ein weiteres Problem ist hier auch schon erkennbar: Melodisch kommt das ganze nicht auf den Punkt, da wird eine musikalische Idee an die andere gereiht, ohne dass ein musikalischen Ganzes entsteht. Dennoch ein ganz gutes Stück.
Build Me Up, Break Me Down
Der nächste Rocker kommt direkt hinterher. Die ersten Zeilen des Gesangs sind fast gar nicht zu hören. Was war da im Mischraum los? Das Phänomen wiederholt sich auch noch einige Male. Von der Komposition deutlich ausgewogener als das vorherige Lied, das Arrangement hingegen wirkt etwas träge, etwas mehr Geschwindigkeit hätte dem Lied gut getan.
Lost Not Forgotten
Der erste Zehn-Minüter des Albums beginnt mit einem wundervollen Klavier-Intro. In für Dream Theater-Verhältnisse zu vorhersehbarer Manier kommen die übrigen Instrumente hinzu. Nach etwa 2 Minuten wird dann hübsch durchgedreht, die erste richtig tolle Passage auf dem Album, leider zu kurz. So bleibt das Lied recht schematisch typisch mit ein paar wirklich guten Momenten.
This Is The Life
Das erste ruhigere Stück lässt aufhorchen, Jordan spielt eine sehr schöne Melodie, James singt schön, John 1 zupft gefühlvoll, John 2 und Mike sind hier nicht weiter spektakulär. Insgesamt kommt das Lied allerdings viel zu zahm und glattgebügelt daher. Vielleicht hätte James etwas mehr aus sich herauskommen sollen. Ecken und Kanten sucht man hier leider vergebens, was aber bei Balladen dieser Band auch eher selten ist.
Bridges In The Sky
Elf Minuten lassen hoffen, der Anfang mit programmiertem Rhythmus, seltsamen Geräuschen und Chor ist zumindest ungewohnt. Als dann losgerockt wird, hat man fast das Gefühl, dass das Album ja doch so langsam in Fahrt kommt. Leider ist auch hier das Klang-Problem sehr präsent. Und auch die melodische Entwicklung gerät wieder einmal ins Stocken. In der zweiten Hälfte steigert sich das jedoch unerwartet, so ganz will der Funke aber auch leider hier nicht überspringen.
Outcry
Und direkt wird ein weiterer Elf-Minüter nachgeschoben. Problem Schlagzeug: die programmierten Stellen passen so gar nicht zum Lied und das akustische klingt sehr dumpf, auch das tut dem Lied nicht gut. Im instrumentalen Mittelteil sind ein paar schöne rhythmische Experimente und ein kleiner feiner ruhiger Pianoteil, das ist aber leider auch schon alles. Und das Warten auf einen wirklichen Höhepunkt geht weiter.
Far From Heaven
Mit nicht mal vier Minuten fast schon sträflich kurz. James LaBrie steuert hier seinen einzigen Text auf dem Album bei, immerhin hat er einige Lieder mitkomponiert, das war in der Vergangenheit eher selten der Fall. Piano, Streicher, Gesang, sonst nichts. Das weiß zu gefallen und ist eine echte Entspannung für die Ohren, da hier der alles platt walzende Gitarrenklang durch Abwesenheit glänzt.
Breaking All Illusions
Auch John Myung darf nach einer gefühlten Ewigkeit noch mal texten, zwar liefert er nur die Textskizze, ausgearbeitet hat das dann John Petrucci, aber dennoch ein interessantes Detail. Das Lied lässt sich Zeit für einen spannenden Aufbau, mit einer Gesamtlänge von knapp zwölfeinhalb Minuten das längste Stück und – man höre und staune – ein echter Höhepunkt. Es gibt ungewöhnliche Passagen, spannende Instrumentalabfahrten und sogar eine Gesangsmelodie mit Wiederekennungswert, die erste auf diesem Album und die ruhigen Momente sind ebenfalls sehr gelungen. Na also, geht doch!
Beneath The Surface
Ballade Nummer Drei, das ist viel für ein Album dieser Band. Akustische Gitarre trägt das Lied, Streicher sorgen für ein wohliges Gefühl und James singt mit viel Emotion. Dazwischen schummelt sich noch ein seltsames und dennoch passendes Keyboardsolo. Ein sehr schöner Ausklang. Da hat das Album ja noch mal grad so die Kurve gekriegt.

Fazit:
Die erwähnten Probleme haben für mein Empfinden ein ganz klaren Ursprung: Das Fehlen von Mike Portnoy, und somit macht die Zeile ganz am Anfang auch Sinn. Da er in den letzten Jahren für die Produktion mit Petrucci gemeinsam verantwortlich war, hatte er offensichtlich großen Einfluss auf die Ausgewogenheit des Klangbildes. Da Petrucci das nun allein macht, drängt sich sein Instrument sehr in den Vordergrund. Das hat ja nichts mit seinen Fingerfertigkeiten an der Gitarre zu tun, da bleibt er weiterhin nahezu unantastbar, als Produzent braucht er jedoch einen Gegenpart. Da ist es schade, dass einer der weltbesten Tastenmänner so untergeht, hört man Rudess dann mal heraus, ist es eine wahre Freude. Myungs Bassspiel bleibt weiterhin effektiv und klasse, leider auch etwas zu weit hinten. Am meisten leiden jedoch zum einen LaBrie, der nur gelegentlich tolle Gesangsmelodien vorgegeben bekommt und zum anderen Mangini. Virtuos gibt er sich alle Mühe, möglichst nach seinem Vorgänger zu klingen, da gibt es handwerklich gar nichts zu beanstanden, leider verspielt er so die Gelegenheit ein eigenes Profil zu entwickeln. Da er bei dem Album jedoch noch nicht an der Komposition beteiligt war, kann sich das ja in Zukunft noch ändern. Auch ist festzustellen, dass er logischerweise noch längst nicht so eingespielt mit den Übrigen ist. Da hat Portnoy einfach 25 Jahre Vorsprung. Kann Dream Theater also ohne Portnoy funktionieren? Ja, nur braucht das noch Zeit sich zu entwickeln. Auf Konzerten funktioniert das schon bestens. Natürlich ist sämtliche Kritik Meckern auf hohem Niveau, und das letzte Drittel des Albums ist über jeden Zweifel erhaben, dennoch ist es meines Erachtens das schwächste Album der Band seit ihrem Debüt, und das hatte lediglich den Manko des falschen Sängers und der grausamen Bass-Abmischungen. Die Basis für ein neues Kapitel der Gruppe ist auf jeden Fall gegeben, ich bin sehr gespannt auf das nächste Album. Ich hatte gehofft, dass dieses Album noch wächst, deshalb habe ich mit der Rezension so lange gewartet, leider hat es das nicht getan. Und noch eine Bemerkung am Rande, die Limitierte Box ist echt lächerlich: bedingt schöne Aufmachung, kein exklusives Bonusmaterial und der CD-Version liegt KEIN Booklet bei. Dieses Manko macht auch die Vinyl nicht wett. Wenn man das mit den günstigeren limitierten Versionen aus dem Hause Steven Wilson und Konsorten vergleicht, wirkt das hier total überteuert. Da bot die vom Vorgängeralbum wesentlich mehr.

Punkte: 10/15

Steven Wilson – Grace For Drowning

Drei Jahre nach seinem Solodebut kommt das zweite Werk des Porcupine Tree-Masterminds. Laut eigenen Aussagen ist es sein ambitioniertestes, aufwendigstes und persönlichstes Werk. Wie sehr diese Attribute stimmen, wird deutlich, wenn man sich auf diese (zwei) musikalische(n) Reise(n) einlässt.

Volume 1: Deform To Form A Star
Grace For Drowning
Nur ruhiges Klavier gespielt von Dream Theater’s Jordan Rudess und Gesangsflächen eröffnen das Album sehr schön. Was kann auch schon schiefgehen, wenn mein favorisierter Komponist auf meinen favorisierten Tastenmann trifft.
Sectarian
Erinnert von der Stimmung an „No Twilight Within The Courts Of The Sun“, das Überwerk von „Insurgentes“, jedoch ist das hier etwas weniger komplex und rein instrumental. Auch hier gibt es eine Steigerung an Intensivität und Lautstärke, die sich zwischenzeitlich immer wieder melancholisch entlädt. Für Freunde seines ersten Albums genau der richtige Einstieg. Klasse.
Deform To Form A Star
Das Titelstück des ersten Albums des Doppelwerkes eröffnet wieder dieses unwiderstehliche Klavierspiel von Jordan Rudess. Aber dieses Mal gibt es auch Gesang. Der Meister selbst legt im Mittelteil ein unheimlich gefühlvolles Bluesgitarrensolo hin. Ansonsten besticht dieses Lied durch die typisch geniale Melodieführung, die Wilson-Kompositionen so einzigartig machen. Und grad denkt man, das Lied wär vorüber, kommt noch ein toller Schlussteil.
No Part Of Me
Leichtes Glockenspiel und elektrisches Schlagzeug, gespielt von Gasttrommler Pat Mastelotto von King Crimson, dann Streicher und Gesang. Gerade die warmen Streicher bereichern ungemein, waren diese auf dem ersten Album doch eher Mangelware. Aber schon bald müssen diese der elektrischen Gitarre weichen. Jetzt gibt es auch akustisches Schlagzeug und allerlei schräges Improvisieren. Auch sehr markant ist Theo Travis‘ außergewöhnliches Saxofonspiel.
Postcard
Stevens musikalischer Abschied an seinen im Frühjahr verstorbenen Vater. Das melancholische Klavier, dieses Mal nicht von Jordan Rudess gespielt und das Cello verbreiten eine traurige Stimmung, die von den übrigen Streichern noch ausgebaut wird. In der zweiten Hälfte, wenn das Schlagzeug einsetzt kommt noch ein Chor hinzu. Sehr ergreifend das Ganze. Im Übrigen ist das die erste Single des Albums.
Raider Prelude
Chor und Klavier geben einen düsteren Vorgeschmack auf das zentrale Stück des zweiten Albumvolumens.
Remainder The Black Dog
Es bleibt düster und wird dazu noch schräg im Takt. Auch hier wieder eine Spannung die sich immer wieder aufbaut um sich dann wieder zu entladen. Im Mittelteil gibt es dann ein geniales Wechselspiel von Theo Travis an sämtlichen Blasinstrumenten und Steve Hackett (ja, genau der, der früher mal bei Genesis zupfte) an der elektrischen Gitarre. Alles in allem ein klarer Höhepunkt eines sehr starken Albums im Album. Mal sehen was das zweite Volumen noch so bereithält.
Volume 2: Like Dust I Have Cleared From My Eye
Belle De Jour
Steven zupft die akustische Gitarre so wie man es von ihm noch nicht gehört hat. Das ist nicht spektakulär aber sehr schön, da viel Atmosphäre.
Index
Ein weiteres Mal holt sich Steven Wilson Unterstützung von Pat Mastelotto bei diesem etwas verrückten dennoch seltsam eingängigen Lied. Pure Magie würd‘ ich sagen.
Track One
Und wieder wird eine dieser genialen Melodieführungen ausgepackt nur um dann hinterrücks von düsterer Intensität ermeuchelt zu werden. Herrlich. Dann wird es wieder ruhig und es darf entspannt gezupft werden.
Raider II
Bei dem zentralen Stück des Werkes muss man etwas ausholen, schließlich lassen sich hier die Beteiligten dreiundzwanzig Minuten Zeit. Auch Jordan Rudess darf hier ein drittes Mal seinen Beitrag leisten. Ganz behutsam und vorsichtig kommt ein Element nach dem anderen, erst nach fast drei Minuten kommt der erste Ausbruch. Das Ganze Lied über werden so viele Klangfarben, unterschiedlichste Teile, Stimmungen und Instrumente eingeflochten, dass es unmöglich ist, das Ganze in Worte zu fassen. Da wird mal schräg Jazz musiziert, dann gerade heraus gerockt, nur um im nächsten Moment ganz zarte Melancholie aufleben zu lassen. Hier weiß man nie, was einen in der nächsten Minute erwartet, und dann stellt man fest, dass man gerade mal bei der Hälfte des Liedes angelangt ist. Und diese Spannung bleibt auch in der zweiten Hälfte präsent und ist da doch wieder ganz anders. Die Steigerung gegen Ende zerfetzt einem beinahe die Nerven. Danach darf das Lied noch zwei Minuten sanft mit ordentlich Bass ausklingen. Unterm Strich gibt es nur ein Wort, welches dieses Lied einigermaßen erfassen kann: Wahnsinn.
Like Dust I Have Cleared From My Eye
Hier kommt das Titelstück am Schluss. Elektrische Gitarre, Melancholie und Gesang. Hier muss nochmal die geschmackvolle Bassarbeit des großartigen Tony Levin (King Crismon, Peter Gabriel, Liquid Tension Experiment, Stickmen und wasweißichnochalles) hervorgehoben werden. Die letzten drei Minuten gibt es noch pure Atmosphäre auf die Ohren.
Volume 3: The Map (Demos + Out-Takes)
Für fleißige Sammler und Käufer des Super-Deluxe-Buches in blau gibt es noch ein weiteres Werk mit gesammelter Ausschussware, die keine ist.
Home In Negative
Dieses Lied gibt es als Appetithappen schon seit etwa einem Jahr in den Weiten des Internets. Eine schöne ruhige Nummer mit akustischer Gitarre, Orgel, Chor und weiteren Spielereien.
Fluid Tap
Ungewöhnlich schnelles Lied, welches einen ganz ordentlichen Schub entwickelt. In der Mitte gibt es noch ordentlich Schmackes obendrauf.
The Map
Elektronisches Rhythmusgetüftel und eine Menge sphärischer Elemente ergeben dieses interessante instrumentale Kleinod.
Raider Acceleration
Ein Hardrockiger Mittelteil aus Raider II, der es dann doch nicht ins endgültige Lied geschafft hat. Steht aber für sich auch sehr gut. Auffallend ist hier der rohe Demo-Klang. Hier wird richtig durchgedreht.
Black Dog Throwbacks
Wieder einmal gibt es eine Menge Atmosphäre, hier jedoch ausschließlich, und zwar die, die in „Remainder The Black Dog“ nur im Hintergrund zu vernehmen war.
Raider II (Demo Version)
Mit völlig anderer Instrumentierung und völlig anderem Arrangement des Wahnsinnsliedes wird hier eine beeindruckende Alternative präsentiert. Hier wird deutlich, wie viel Raum den beteiligten Musikern gelassen wurde um die Musik atmen zu lassen, da diese Rohfassung selbstverständlich vom Herrn Wilson alleine intoniert wurde.

Fazit:
Wirkte „Insurgentes“ noch wie eine Fusion aller Steven Wilson Projekte, bietet dieses Werk deutlich mehr einen eigenen Stil, der höchstens noch Referenzen zum besagten Debut aufweist. Klar ist seine Handschrift auch hier unverkennbar, dennoch bewegt sich das Ergebnis in eine völlig andere Richtung als Beispielsweise Porcupine Tree. Die hier allgegenwärtige jazzige Verspieltheit gab es bisher bei Steven Wilson noch nicht, allenfalls beim Schlagzeugarrangement von Gavin Harrison. Doch im Gegensatz zum ersten Album lässt Steven hier nicht Gavin, sondern zumeist Nic France die Stöcke schwingen. Dieser ist zwar nicht ganz so präzise, gibt den ganzen aber durch seine Free-Jazzige Spielweise einen Charakter, der sich so mehr vom bisherigen Schaffen des Herrn Wilson unterscheidet. Auch die anderen Gastmusiker machen ihre Sache erwartungsgemäß mehr als gut. Und auch der Meister selbst weiß immer wieder an allen Instrumenten zu begeistern, die er zwischen die Finger bekommt. Das ganze Album gibt es auch noch als Blu-Ray-Version, in dem Deluxe-Buch ist diese natürlich mit drin. Hierauf gibt es das Album in wie immer erstklassiger Raumklangabmischung. Dazu kann man sich die Texte, Bildergalerien (zu denen im blauen Buch abgedruckten) und sämtliche Lieder in ihren Demoversionen zu Gemüte führen. Zu einigen Stücken wurden auch Musikvideos gedreht, in denen man einen singenden Steven Wilson sieht, das gab es bisher in seinen Musikvideos, egal bei welchem seiner Projekte, nicht. Dazu gibt es wieder allerlei Surrealitäten. Für den ganzen visuellen Teil, also Fotos und Videos, ist wieder einmal mehr der geniale Lasse Hoile verantwortlich. Und als hätte ich es nicht vorher gewusst, verweist Steven Wilson die kürzlich von mir rezensierten Pain Of Salvation auf den zweiten Platz der Alben des Jahres. Da können Opeth, wie bereits beschrieben, Steve Hackett und auch Dream Theater, was in Kürze noch beschrieben werden wird, nicht mithalten. Und dass Steven Wilson sogar sein Debut und einen gar nicht mal so kleinen Teil seines bisherigen Schaffens, sogar einiges von Porcupine Tree, in den Schatten stellt, hab ich nur bedingt erwartet. Ein ganz großes Album.

Punkte: 15/15

Opeth – Heritage

Das neue Album der einstigen Todes-Metaller ist da. Obwohl Steven Wilson behauptet, da wär kein Metal mehr, muss ich dem widersprechen (es soll ja Leute geben die denken, alles was der Herr Wilson tut oder sagt, wär für mich Gesetz, hier ist der Gegenbeweis). Aber der progressive Anspruch ist natürlich ungebrochen. Im Grunde genommen ist das Album eine logische Konsequenz der vorangegangenen. War es früher so, dass bei harten Passagen Growls zu finden waren und in akustisch-melancholischen Teilen reiner Gesang, war schon beim Vorgänger „Watershed“ auf „Burden“ und „Porcelain Heart“ trotz metallischer Teile kein Growl zu hören. Und ruhige Stellen waren nicht mehr nur akustisch. Nun gibt es also ein ganzes Album in dem Stil. Das kommt mir natürlich entgegen, da Growls zwar als gelegentliches Element ganz interessant sind, aber in meinen Augen zu wenig Variation bieten um auf Dauer reizvoll zu sein. Darüber hinaus sind die beiden genannten Lieder meine persönlichen Favoriten von Opeth. Trotzdem macht es auch mir die Band nicht leicht mit „Heritage“.

Heritage
Tastenmann Per Wiberg ist kürzlich aus der Band ausgestiegen, spielt dennoch neben Mastermind Mikael Åkerfeldt die meisten Tastenteile. Hier darf aber der (vorläufig?) neue Joakim Svalberg ein reines Klavierintro spielen. Sehr schön.
The Devil’s Orchard
Schließt da an, wo „Porcelain Heart“ aufgehört hat. Durchaus metallisch, aber nicht übermäßig hart, dafür mit viel Melodie und Dynamik. Zwischendurch darf es dann auch mal etwas jazzig sein – kein Einzelfall auf der Platte. Was folgt ist ein herrliches Auf und Ab. Sicherlich ist das nichts für jedermann, für mich ist das der perfekte Auftakt.
I Feel The Dark
Akustikgitarre und Gesang eröffnen dieses Lied. Dann kommt Hammondorgel dazu. Auch als das Schlagzeug einsetzt, hat man das Gefühl einer waschechten Ballade zu lauschen. Aber einen Mitsingchorus gibt es nicht. Und wieder kommt etwas Jazz dazwischen. Nach der Hälfte werden dann die akustischen gegen elektrische Gitarren getauscht und es wird ordentlich für eine Minute mit Rhythmik gespielt, dann wieder leiser und die akustische kommt wieder, dann wieder lauter, dann wieder Jazz usw., ziemlich cleveres Konstrukt das.
Slither
Einerseits wird hier gerade heraus Hardrock präsentiert, schließlich ist das Lied eine Hommage an Ronnie James Dio, aber Opeth wären nicht Opeth wenn da nicht noch was passieren würde, was dazu in Kontrast steht. So gibt es ein ruhiges akustisches Ende des Ganzen.
Nepenthe
Wie bei „I Feel The Dark“ beginnt es auch hier ruhig. Langsam und vorsichtig steigert sich das Lied, dann wird die Vorsicht kurz über Bord geworfen und es darf ganz kurz laut und ordentlich krumm im Zähler werden. Dann klingt es ähnlich aus wie es begonnen hat. Geradlinig ist das sicher nicht, Hardrock oder Metal aber auch nicht. Macht aber nichts.
Häxprocess
Da ist der Jazz wieder und bleibt er auch. Nicht so, wie man sich Jazz vorstellt, sondern wie man sich jazzende Opeth vorstellt. Am Ende gibt es noch eine schöne Bluesgitarre, das gab es so bei der Band sicher noch nicht.
Famine
Percussion und Flöte der beiden Gastmusiker Alex Acuña und Björn J:son Lindh und ein bisschen Keyboard legen los, abrupt abgelöst von Klavier und schließlich Gesang. Hat man jetzt das Gefühl, dass das Album ja doch etwas ruhig und unmetallisch sei, kommen die rockigen Teile in der Mitte genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch hier wird nicht bis zum Anschlag gerockt sondern nur angedeutet. Und erstmalig hört man Mikael in recht hohen Tonlagen – Kopfstimme hätte man ihm vor einigen Jahren noch nicht zugetraut.
The Lines In My Hand
Krumme Takte und Martin Axelrod trommelt sich wild um sein Leben. Ein sehr prägnanter Bass von seinem Namensvetter Mendez geben dem Lied ordentlich Schub. Gitarren spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, auch ungewohnt für die Band. Eigentlich interessant, dass sich gegen Ende ausgerechnet dieses Lied am ehesten nach Metal anhört.
Folklore
Im Gegensatz zum Liedtitel sind es dieses Mal nicht die akustischen Gitarren, sondern die elektrischen, die für einen ruhigen Beginn sorgen. Ab der Mitte, wenn gelegentlich etwas direkter in die Saiten gegriffen wird, lotet die Band alles an Dynamik aus, was im Rahmen des musikalischen Albumkonzeptes möglich ist. Das ausgeblendete Ende passt zwar zum Song, hält selbigen aber leider davon ab, ein wirkliches Meisterwerk zu sein, ist aber ansonsten ziemlich nahe dran.
Marrow Of The Earth
Ein ruhiger instrumentaler Blues zum Ausklang. Sehr gelungen und völlig untypisch.

In einigen Versionen gibt es noch zwei weitere Lieder:
Pyre
Die einzige Komposition des Albums die nicht ausschließlich aus Mikael Åkerfeldts Feder stammt, der zweite Gitarrenmann Fredrik Åkesson darf hier mitschreiben. Heraus kommt ein vergleichsweise eingängiges Stück, welches so auch auf Damnation gepasst hätte (ironischerweise war Åkesson damals noch nicht in der Band).
Face In The Snow
Eine wunderschöne ruhige Nummer. Kaum hat man sich gedacht, dass man den Chorus jetzt mitsingen könnte, schon ist das Lied zu Ende. So ist das mit den Erwartungen, bei Opeth wird einem da immer ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Fazit:
Wo bei „Damnation“ völlig auf Metal verzichtet wurde und die Band sich somit die Freiheit der vollendeten Dynamik ihrer Musik nahm, dürfen hier die Gitarren auch schon mal lauter sein. Der Metal ist zwar nicht mehr allgegenwärtig, bleibt aber ein Bestandteil, der immer mal wieder dazwischenfunkt, soviel zu der Aussage in der Einleitung. Ohrwürmer dürfen nach wie vor andere machen, so gibt es hier keinen Chorus, der als solcher zu erkennen wäre und auch Eingängigkeit ist hier kaum auszumachen. Da die beiden Bonuslieder jedoch in genau den beiden Punkten punkten, ist klar, warum diese nicht Teil des Albums sind. Im Gefüge zwischen den anderen Songs hätten diese wie Fremdkörper gewirkt. Unterm Strich ist es ein tolles Album geworden. Das was dem Album zum Meisterwerk fehlt, ist ein Über-Song wie die beiden oben genannten, auch wenn bei „Folklore“ nicht viel fehlt. Der Klang des Werkes ist wie zu erwarten war über jeden Zweifel erhaben, schließlich hat man mit Steven Wilson eine Klasse für sich im Bereiche des Abmischens zur Seite. Wer zur Version mit der DVD greift, darf das Ganze auch in 5.1 (auch vom Herrn Wilson gemischt) genießen. Audiophile wie ich ziehen diese Variante sowieso vor. Darüber hinaus kann man den Jungs in einer aufschlussreichen Dokumention zur Albumentstehung über die Schulter schauen.

Punkte: 12/15